Der Ingenieur in der Digitalen Transformation

Die Digitalisierung bringt Offshore-Windparks in Schwung

In unserer Blogreihe „Der Ingenieur in der Digitalen Transformation“ werfen wir dieses Mal einen Blick aufs Wasser. Dort arbeitet nämlich Frank Scholtka, Plant Manger bei E.ON. Er ist für den Betrieb des Offshore-Windparks „Arkona“ verantwortlich. Was er genau macht und wie man dem digitalen Fortschritt in Zukunft begegnen sollte, verrät er uns im Interview.

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Herr Scholtka, Sie arbeiten seit diesem Jahr als Plant Manager bei E.ON. Was genau macht ein Plant Manager? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Frank Scholtka: Als Plant Manager trage ich die Verantwortung für den sicheren und effizienten Betrieb unseres Offshore-Windparks „Arkona“. Der Park befindet sich zurzeit im Bau und geht in der zweiten Jahreshälfte 2018 ans Netz. Bis dahin sind meine beiden Hauptaufgaben die Zusammenstellung des Teams und die Vorbereitung aller Voraussetzungen für die Betriebsphase. Dazu gehören der Aufbau des Betriebsgebäudes sowie die Beschaffung von Schiffen, Werkzeugen und Ersatzteilen. Außerdem kümmere ich mich um Genehmigungen, schließe Verträge mit Lieferanten und entwickle die Instandhaltungs- und Wartungsprozesse. Der Windpark „Arkona“ ist ein Joint Venture von E.ON und Statoil. Auch wenn E.ON mit dem Betrieb beauftragt wurde, gibt es natürlich eine enge Kooperation, vor allem im Wissensaustausch und Reporting.

Inwiefern kommen Sie in Ihrem Job mit digitalen Technologien in Berührung?

Zum einen verwenden wir verschiedene Tools zum Beispiel für Wind- und Wettervorhersagen, welche essentiell für den sicheren, täglichen Betrieb sind. Zum anderen werden Produktionsvorhersagen für die Direktvermarktung, die Finanzplanung und alle Bestellungen vom Angebot bis zur Lagerhaltung in einem ERP System (Enterprise Ressource Planning), einer Software zur Ressourcenplanung, verwaltet. Die Planung aller Wartungs- und Instandhaltungsaktivitäten geschieht über ein CMMS (Computerized Maintenance Management Systems). Darüber hinaus gibt es viele weitere Systeme zum Tracken – also Verfolgen – der Passagiere auf unseren Schiffen, für unsere Solaranlage und unsere E-Tankstellen in den Betriebsgebäuden oder unsere Sicherheitseinweisung am Standort.

Sie waren vorher in der E.ON-Zentrale im Bereich Digitalisierung tätig. Wie „digitalisiert“ sich das Unternehmen denn?

Richtig, ich war für die Digitalisierung unserer Wartungsprozesse zuständig. Mit einem Projekt über „Mobile Maintenance“ haben wir über 350 Techniker und Lageristen in unserer Offshore- und Onshore-Windflotte in den USA und Europa mit Tablets ausgestattet. Außerdem haben wir Apps für die Wartungsplanung und Materialwirtschaft entwickelt. So konnten wir papierbasierte Prozesse digitalisieren, Medienbrüche reduzieren und Reaktionszeiten optimieren. Die Daten über Instandhaltungs- und Wartungsmaßnahmen und unsere Lagerbestände können jetzt schneller und einfacher erfasst und natürlich umgekehrt auch komfortabler gefunden und abgerufen werden.

Generell ist das Thema Vernetzung verschiedener Datenquellen für E.ON sehr entscheidend. Wir kombinieren Daten unterschiedlicher Systeme, um bessere Prognosen für die Zukunft erstellen zu können. Zum Beispiel gleichen wir Turbinenfehler aus unseren SCADA-Systemen (SCADA steht für Supervisory Control and Data Acquisition – das Überwachen und Steuern technischer Prozesse) mit den Wartungsaufträgen aus unserem SAP-System ab. So können wir bessere Vorhersagen über mögliche Komponentenausfälle treffen und Mitarbeitereinsätze automatisch bzw. optimaler planen.

Bild: VDI / Fabian Stürtzfabian-stuertz-2016-05-26-frank-scholtka-vdi-0028

Gibt es eine Digitalisierungsstrategie, die zentral gesteuert und vorangetrieben wird?

Im Rahmen unserer Trennung von der konventionellen Energiewelt und der damit verbundenen Konzentration auf Netze, Kundenlösung und Erneuerbare Energien, haben wir auch eine neue Digitalisierungsstrategie erarbeitet. Die Digitalisierung findet dabei auf verschiedenen Ebenen statt. Ein Fundament ist die grundlegende Infrastruktur und IT-Sicherheit. Darauf aufbauend ist die Prozessautomatisierung ein großer Bereich, der vor allem einfache Prozesse beschleunigt und Fehler minimiert. Ein besonderer Fokus liegt auf der Verbesserung der Kundenerfahrung mit E.ON. Wir stellen uns die Frage, wie wir Produkte und Dienstleistungen personalisieren und für unsere Kunden leicht erfahrbar machen können. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Um- bzw. Neugestaltung unserer Geschäftsmodelle.

Mir ist wichtig zu betonen, dass Digitalisierung nicht nur marketingwirksame Projekte und essentielle Kernprozesse betrifft. Die Digitalisierung eines Unternehmens steht und fällt auch mit den Support Prozessen wie zum Beispiel im Personalmanagement. Hier sind Themen wie E-Recruiting oder E-Learning, der Einsatz von Virtual- oder Augmented-Reality für Trainings oder eine intelligente, intuitive Zeiterfassung für Mitarbeiter entscheidend. Im Finance Bereich steht eine umfassende Kostentransparenz auf Knopfdruck im Fokus – die kann natürlich beliebig erweitert werden. Weitere Anwendungen finden sich im Bereich der Arbeitssicherheit, in dem zum Beispiel Safety Alerts über potentielle Gefahren schnell und global geteilt werden können.

Bild: VDI / Fabian Stürtz01_buehne

Welche Ausbildung haben Sie genossen? Sind Sie der Ansicht, die deutsche Ingenieurausbildung bereitet den Nachwuchs ausreichend und richtig auf die Digitale Transformation vor?

Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen mit der Fachrichtung Maschinenbau an der RWTH Aachen auf Diplom studiert. Meine Schwerpunkte waren Produktionstechnik im Bereich Maschinenbau und Technologie- und Innovationsmanagement auf der wirtschaftlichen Seite. Die Vorlesungen an sich waren sehr klassisch aufgebaut in großen Hörsälen und mit Tageslichtprojektoren. Sie waren daher das Gegenteil von digital, aber ich kam auch mit modernen Methoden zur Fabrikplanung, Datenbrillen in der Arbeitsorganisation und dem Thema Daten-/Wissensmanagement in Berührung. Mein Semester Java Programmierung hat auf jeden Fall einen soliden Grundstein für Codes gelegt, aber weitere Programmiersprachen oder das Vermitteln von Verständnis für Algorithmen, Schnittstellen und flexibel aufgestellte IT-Systeme wären bestimmt eine Bereicherung für den Lehrplan.

Woran hapert es unter Umständen? Auch was den Stand der Digitalisierung in Deutschland insgesamt betrifft?

Von der Denkweise her müssen wir alle Silos aufbrechen. Bald kann der Kühlschrank über eine von einer künstlichen Intelligenz gesteuerten Drohne aufgefüllt und das Elektroauto im Smart Grid von der eigenen Solaranlage aufgeladen und bei Bedarf wieder entladen werden. Dies sind wichtige Zukunftsszenarien, die man sich anschauen muss. Gleichzeitig sollte man sich von lauter Buzzwords nicht aus der Ruhe bringen lassen. Manchmal ist das Beste, sich einfach auf den Mehrwert zu konzentrieren und dann die Projekte Schritt für Schritt umzusetzen.
In der Ausbildung muss Digitalisierung natürlich auch in Universitäten und Schulen sichtbar sein: einfacher Zugang zu Daten, Testen von neuen Technologien und künstlicher Intelligenz. Auch Wearables wie Brillen oder Uhren müssen eine Rolle spielen, und damit es nicht zu einfach wird, müssen wir dabei flexibel bleiben. Die Produktentwicklungszeiten und Innovationszyklen sind so kurz wie nie zuvor und werden sich weiter verkürzen.

Generell wird es eine Verschiebung zu anspruchsvolleren Aufgaben geben. Und Wartung und Instandhaltung werden enorm an Bedeutung gewinnen. Das lässt sich jetzt bereits in verschiedenen Branchen erkennen, in denen traditionelle Fließbandarbeiten durch Roboter ausgeführt werden, die dann entsprechend gewartet werden müssen. Oder noch anschaulicher: Heutzutage kann man Rasenmäh- oder Staubsaug-Roboter zu Hause einsetzen und konzentriert sich auf deren Instandhaltung.
Ein weiterer Aspekt aus der Perspektive der Wartung und Instandhaltung ist, dass immer komplexere Prozesse, zum Beispiel in der Produktion, auch die Problembehebung erschweren. Sei es bei der Korrektur von Programmierfehlern in Algorithmen oder dem Schließen von Sicherheitslücken in IT-Systemen. Diese Begleiterscheinung einer fortschreitenden Digitalisierung müssen natürlich auch beachtet und adressiert werden.

Unabhängig vom Anwendungsfall, bringt die Digitalisierung nicht nur einen technologischen Wandel, sondern auch eine Veränderung in der Ausbildungs- und Arbeitswelt mit sich. Das muss sich in der Ingenieursausbildung widerspiegeln. Projekte, Case Studies und Praxisbeispiele, die echte Applikationen und zukünftige Möglichkeiten zeigen, sei es Virtual Reality oder Blockchain-Technologie, sind dafür sicherlich ein guter Start.

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Das Interview führte: Dirk-Eike Röckel
Position beim VDI: Presseabteilung

 

 

6490-dit-2007-key-visual-smart-germany-vdi-blog-702x363pxDie Interviewreihe im Rahmen des VDI-Jahresthemas „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“ beleuchtet den Einfluss der Digitalisierung auf das Berufsbild Ingenieur. Wie arbeiten Ingenieure in der digitalisierten Arbeitswelt? Weitere Informationen zu #Arbeit40 finden Sie unter http://www.vdi.de/arbeit40

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