Legionellen im Trinkwasser

Krankheitserreger auch im Krankenhaus

Dass in vielen Krankenhäusern sogenannte Krankenhauskeime grassieren, gegen die viele Antibiotika schon nicht mehr helfen, ist durch die Medien hinlänglich bekannt. Aber auch das Trinkwasser aus dem Hahn oder der Dusche im Krankenhaus hat’s oft in sich: Aufgrund von Fehlern in Planung, Errichtung oder Betrieb der komplexen Trinkwasser-Installationen kommt es nicht selten zu Verkeimungen. Wenn ein gesunder, nicht zu alter Mensch eine gewisse Dosis Keime vielleicht noch wegstecken könnte, wird ein älterer, vorerkrankter oder frisch operierter Mensch wahrscheinlich nicht überleben. So wahrscheinlich geschehen in vier Fällen bei einer Legionellenkontamination der Trinkwasser-Installation eines Krankenhauses in Mülheim. Wieso passiert so etwas und wie kann man dem vorbauen?

Bild: Martin Strathmannlegionellen_strathmanngvpc_wollstein

Legionellen kontaminieren eine Trinkwasser-Installation
Legionellen kontaminieren eine Trinkwasser-Installation – nicht nur im Krankenhaus, sondern ebenso im Wohnumfeld – immer dann, wenn man ihnen Kuschelecken schafft. Das heißt ihnen Bereiche mit wenig Strömung in den Leitungen bietet, angenehme Temperaturen zwischen optimalerweise 25 – 50 °C bereitstellt und sie noch ein bisschen füttert, beispielsweise mit Nährstoffen aus für die Trinkwasser-Installation ungeeigneten Materialien. Kunststoffe, Dichtungen und O-Ringe aus Materialien, die nicht die W 270-Prüfung bestanden haben oder der KTW -Leitlinie (Leitlinie zur hygienischen Beurteilung von organischen Materialien im Kontakt mit Trinkwasser (KTW-Leitlinie)) entsprechen, geben mitunter solche Nährstoffe ab. Hochwertige Materialien und die erwähnten Prüfungen kosten Geld; sie werden daher in billigen Baumarkt-Produkten oder in Bauteilen chinesischer Herkunft, wie man sie mitunter als Aktionsware beim Lebensmitteldiscounter erwerben kann, eher selten verwendet. Nahezu ein Schmankerl ist die Aminosäure Cystein für Legionellen. Diese und andere proteinogene Aminosäuren entstehen z. B. bei Stoffwechsel- oder Zerfallsprozessen anderer Mikroorganismen.

Woher kommen die Legionellen in der Trinkwasser-Installation?
Na, zum Beispiel dadurch, dass eine verkeimte Installation desinfiziert wird. Jede Desinfektion lässt ein paar Keime übrig, bei einer Ausgangskontamination von 1 Mio Keimen beispielsweise einen; und wo tatsächlich mal kurzzeitig alle Keime tot sein sollten, liefert das Trinkwasser, das ja keineswegs steril ist, welche nach. Wer also eine thermische Desinfektion durchführt, ohne vorher durch Reinigungsmaßnahmen (Wasser/Luft-Spülung) den Biofilm komplett entfernt zu haben, schafft für die wenigen die eigentliche Desinfektion überlebenden oder nachströmende Organismen ideale Bedingungen für eine Neuansiedlung, sozusagen eine Anschubfinanzierung. Deswegen ist es auch absolut unmöglich, einen Biofilm mittels Ultrafilter „auszuhungern“.

Kein Problem bei Einhaltung der 3-Liter-Regel?
Legionellen vermehren sich übrigens auch in Leitungsvolumen < 3 Liter, daher ist die maximale Leitungslänge von stagnierenden Rohrleitungen eben nicht generell „10x DN “ (DN= Nenndurchmesser). Diese Angabe von 10x DN gilt nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik ausschließlich für nicht-durchströmte Einzelzuleitungen zu Sicherheitseinrichtungen, also z. B. Sicherheitsventile und Ablaufsicherungen. Verschlossene Leitungsenden („Totstrecken“) dürfen max. 2x DN lang sein, damit Turbulenzen des vorbei strömenden Wassers hier noch das stagnierende Wasser mitreißen. VDI/DVGW 6023 fordert, dass jede nicht mehr benötigte und daher nicht mehr ständig durchspülte Leitung bis zum letzten durchströmten T-Stück zurückgebaut werden muss.
Aber bitte nicht mit Zuleitungen zu Entnahmestellen verwechseln! Ein weit verbreiteter Irrtum, den man von Planern und Installateuren zu oft hört, lautet „Ich muss ja heute alles durchschleifen.“ Nein, liebe Kollegen, müsst ihr nicht. Es muss lediglich dafür gesorgt werden, dass jede Leitung durch Entnahme spätestens alle drei Tage bestimmungsgemäß genutzt wird und so ein regelmäßiger Wasseraustausch garantiert ist. Deswegen dürfen heute keine Reserveleitungen mehr verlegt werden, Ausdehnungsgefäße müssen durchströmt werden ((Bild 1)) und es werden keine Umgehungsleitungen installiert, die nur dann gebraucht werden, wenn alle Jubeljahre mal der Zähler getauscht wird.

Trinkwasserleitungstemperatur auf maximal 25 °C begrenzen
Schlussendlich mögen Legionellen und andere krankheitserregende Bakterien es schön warm. Wenn es, z. B. durch die direkt neben der Kaltwasserleitung liegende warme Leitung, z. B. auch einer Heizungsleitung, im kalten Trinkwasser zu Temperaturen > 25 °C (eigentlich schon > 20 °C), kommt, und sei es nur während der ersten 30 Sekunden der Kaltwasserentnahme, bedeutet das ein erhöhtes Risiko einer mikrobiologischen Vermehrung in diesem Leitungsteil. Das ist der Grund, warum die Richtlinie VDI/DVGW 6023 als die wesentliche allgemein anerkannte Regel der Technik im Bereich des Trinkwassers, die maximale Temperatur im Trinkwasser kalt auf höchsten 25 °C begrenzt und zwar jederzeit, nicht erst nachdem die ersten drei bis fünf Liter den Abfluss runtergespült wurden.

Wenn man es den Legionellen in der Installation möglichst unbequem macht durch hohe Strömung und reichlich Wasseraustausch, ihnen wenig Nährstoffe anbietet und ihnen keine (wirklich gar keine) angenehmen Temperaturen bietet, braucht man sich auch beim Duschen wenig Sorgen zu machen. Nur ausrutschen können Sie dann immer noch.

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser“
Pünktlich zum Erscheinen der neuen Richtlinie VDI/BTGA/ZVSHK 6023 Blatt 2 „Hygiene in Trinkwasser-Installationen – Gefährdungsanalyse“ veranstaltet der VDI ein Expertenforum, auf dem die Richtlinie vorgestellt wird und die Teilnahmer ihre Fragen direkt mit Fachleuten aus dem Richtlinienausschuss diskutieren können. Ein Exemplar der Richtlinie ist Teil der Veranstaltungsunterlagen. Wir empfehlen eine frühzeitige Anmeldung, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist. Hier finden Sie das Programm als PDF zum Download.

Kommentare & Pingbacks

3 Gedanken zu “Krankheitserreger auch im Krankenhaus

  1. Hallo Herr Wollstein,

    ich habe gerade Ihren Beitrag gefunden, eigentlich wegen einer ganz anderen Sache.

    Ich wollte mir nur einen Automatik-Wasserhahn zulegen. Jedoch habe ich hier https://www.infrarot-guide.de/infrarot-wasserhahn/ gelesen, dass das Bakterienwachstum bei solchen Wasserhähnen deutlich erhöht ist und die Übertragung von Krankheiten fördern kann. Dann wollte ich mich über die Krankenhauskeime informieren, da ja solche Wasserhähne auch oft in Krankenhäusern eingesetzt werden und so bin ich hier gelandet.

    Ich dachte es wäre andersherum, da man keinen Kontakt mit dem Wasserhahn haben muss, um ihn anzuschalten und es daher hygienischer wäre.

    Was ist denn nun der Fall? Sollte man solche Wasserhähne besser nicht einsetzen?

    Viele Grüße und vorab vielen Dank für eine Antwort.

    • Berührungslos funktionierende Armaturen sind in der Tat hygienisch günstig, aber mit Blick darauf, dass keine Übertragung von Keimen bei der Bedienung der Armatur stattfindet. Deswegen werden solche Systeme überall dort empfohlen, wo eine Keimübertragung besonders wahrscheinlich ist (öffentliche Toiletten) oder aus anderen Gründen vermieden werden muss (Gesundheitswesen). Früher hat man im Krankenhaus meist die per Ellenbogen zu bedienenden Einhebelarmaturen verwendet, heute eher solche mit Sensorsteuerung.

      Ich vermute, Ihre Verunsicherung beruht auf dem Artikel in der „Welt“ vom April 2011. Dort ging es aber um die Vermehrung von Keimen im Leitungssystem bei Verwendung von Infrarot-Armaturen. Der Artikel ist schon recht alt. Bei Anschluss und Verwendung nach Herstellerempfehlung und den allgemein anerkannten Regeln der Technik sollten Infrarot-Armaturen keine Gefährdung für die Trinkwasserbeschaffenheit bedeuten. Ja, Sie sind komplexer im Aufbau als mechanische Armaturen, aber das betrifft im Wesentlichen nicht den wasserführenden Teil.

  2. Pingback: Scheinsicherheit | VDI 

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