Neue Symbiose von Stadt und Industrie

Urbane Produktion und Logistik

Die meisten von uns bringen hohe Lebensqualität in deutschen Städten fast ausschließlich mit den Themen Wohnen, Versorgung, Bildung, Kultur und Erholung in Verbindung. Die große Rolle, die die Industrie mit ihren Arbeitsplätzen und ihrem Einfluss auf die Lebensqualität spielt, findet kaum Beachtung. Warum ist das problematisch? Der VDI zeigt mit seinem aktuellen Fokusthema „Urbane Produktion und Logistik“ die Vorteile einer stärkeren Integration produzierender Industrie- und Logistikunternehmen in Ballungsräumen und beleuchtet die notwenigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung. VDI-Direktor Ralph Appel stellt das Fokusthema vor.

Seit Beginn des Industriezeitalters waren produzierende Unternehmen mit rauchenden Schloten ein selbstverständlicher Teil eines jeden Stadtbilds. Vor etwa 100 Jahren jedoch begann ein schleichender Prozess der Trennung. Unaufhaltsam wurden die Firmen aus den Städten verdrängt. Hauptgründe dafür waren schrumpfende Flächenverfügbarkeit bei gleichzeitig steigenden Grundstückspreisen in den Ballungsräumen, die zunehmende Mobilität der arbeitenden Bevölkerung und – nicht zuletzt – schärfere Umweltvorschriften.

Entfremdung, Verkehrsinfarkt und wachsende räumliche Konzentration in Ballungszentren sind aktuelle Herausforderungen

Immer deutlicher allerdings treten mittlerweile die damit verbundenen negativen Konsequenzen zu Tage: Beispielsweise konstatieren wir eine wachsende Entfremdung weiter Teile unserer Gesellschaft von Industrie und produzierendem Gewerbe – also ausgerechnet von jener ökonomischen Basis, die unseren Wohlstand erst möglich macht.

Darüber hinaus steht die städtische Infrastruktur kurz vor dem Verkehrskollaps. Und zwar aufgrund des intensiven Personen- und Güterverkehrs, den gerade jene „auf die grünen Wiese“ vertriebenen Unternehmen heute ganz wesentlich verursachen. Das erlebt jeder von uns in seinem persönlichen Umfeld.

Hinzu kommt die weltweit fortschreitende Urbanisierung der Bevölkerung. Den historischen Wendepunkt der Weltgeschichte markiert in diesem Zusammenhang das Jahr 2008 – seither leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Dieser Trend wird sich auch in Zukunft laut Prognose der Vereinten Nationen ungebremst fortsetzen.

Entfremdung, Verkehrsinfarkt und wachsende räumliche Konzentration in Ballungszentren erzwingen ein Umdenken insbesondere bei der Stadtentwicklung und -planung. Damit unsere Städte auch morgen noch lebenswert sind, brauchen wir möglichst rasch neue, nachhaltige Zukunftskonzepte!

Ein Lösungsansatz: die (Re-)Integration von Produktion und Logistik

Genau ein solcher Ansatz ist die (Re-)Integration von Produktion und Logistik in den urbanen Alltag. Zurück in die Ballungszentren und in das tägliche Leben der Bewohner. Was wir brauchen ist, mit anderen Worten: die Renaissance der urbanen Produktion.

Was ist unter dem abstrakten Begriff „Urbane Produktion und Logistik“ überhaupt konkret in der Praxis zu verstehen?

Gemeint sind damit die Herstellung, die Verarbeitung und der Versand von materiellen Gütern in dicht besiedelten Gebieten. Übergeordnetes Ziel ist die physische Verschmelzung von Produktionsort, Arbeits- und Absatzmarkt im Umfeld städtischer Ballungsräume.

Wir brauchen dazu neue Konzepte, Kooperationen und Abstimmungen mit allen Stakeholdern

Laut einer Umfrage des VDI sind zwei Drittel aller befragten Mitglieder unserer VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL) überzeugt, dass urbane Produktion ein wichtiges Element der Stadt der Zukunft sein wird. Dazu jedoch bedarf es der Entwicklung neuer Konzepte, Kooperationen und Abstimmungen mit allen Stakeholdern, darunter Unternehmen, Mitarbeiter, Städte und Behörden, Anwohner und regionale Umfelder. Konsequenter als bisher müssen Wirtschafts-, Stadt- und Kulturpolitik miteinander verknüpft werden. Um zu solchen langfristig optimierten Lösungen zu gelangen, sind kreative und ganzheitliche Ansätze erforderlich, welche die Chancen urbaner Produktion nutzen und die Risiken minimieren. Diese Ansätze zu denken, zu planen, zu realisieren und zu betreiben ist nicht zuletzt Aufgabe von Ingenieuren.

In den kommenden Wochen und Monaten werden wir auch hier im Blog die vielen Aspekte und Vorteile Urbaner Produktion und Logistik vorstellen – ohne die Hemmnisse und Herausforderungen zu vernachlässigen und auch darauf einzugehen, wie Lösungen aussehen und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt.

Besuchen Sie dazu unsere Website www.vdi.de/urbane-produktion für Informationen zu geplanten VDI-Veranstaltungen und Publikationen zum Thema „Urbane Produktion und Logistik“.

Bild: VDI / Catrin MoritzAutor: Ralph Appel
Position: Direktor des VDI

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Urbane Produktion und Logistik

  1. Am Freitag, den 08.06.2018 fand bei der IG-Metall Berlin eine von der Ernst-Böckler-Stiftung initiierte Veranstaltung zum Abschluss des Forschungsthemas LOIPE mit dem Titel „Die Planung von Obsoleszenz“ statt,
    wo ich Assoziationen zum VDI-Fokusthema 2018 entdeckte.
    Als Hauptkriterien für Industrie im urbanen Raum, also drin in der Stadt, sind doch bei diesem Thema wenig Schwerlastverkehr, wenig Lärm und Integration zu den Wohnarealen, den Kiezen wie wir in Berlin sagen herausgearbeitet worden.
    Obsoleszenzverringerung und Langlebigkeit erreicht man u.a. durch Reparatur, Nachrüstung (upgrade).
    Genau das könnte für viele andere Konsumgüter, über die sog. weiße Ware hinaus, ähnlich den Autowerkstätten in Wohngebieten mit untergebracht, generell in Städten forciert werden.
    Gegenwärtig ist eine rückläufige Entwicklung zu beobachten, also Werkstätten machen eher zu.
    Wichtig ist dabei der Service, der über den Ersatzteilkauf über Internetplattformen, wo diese fast immer billiger sind als von OEM oder einem Dienstleister, deutlich hinausgeht.
    Dort könnten auch 3-D-Druck-Kapazitäten installiert sowie auch Daten erfasst und geleitet werden, die für die Hersteller von Bedeutung sind.
    Hohe Qualifikationen in Technik, Vertrieb und Kundenbetreuung wären Voraussetzung (Thema Fachkräfte!)
    Die (zunehmende) Komplexität der technischen Artikel und der demographische Faktor,
    also die Bevölkerungsalterung, könnten Treiber für so eine Entwicklung sein.
    Dieser Service kann auch gemeinsam mit den Bürgern angeboten werden wie das heute verschiedentlich schon praktiziert wird, z.B. in Repaircafés.

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