Der Leiter des VDI-Freundeskreis Australien im Interview

German engineered: Der VDI in Australien

Während eines Sabbatjahres 2003 lernt Karl-Heinz Will gemeinsam mit seiner Frau Australien kennen und entscheidet sich nur zwei Jahre später für das Auswandern von Deutschland nach Down-Under. „Ich wollte in einem englischsprachigen Land leben und arbeiten. In Australien konnte ich, wie schon in Deutschland weiterhin selbstständig meinen Beruf ausüben.“ Der Diplom Ingenieur ist freiberuflicher Entwickler von Software für das Design und den technischen Vertrieb von Produkten im Maschinenbau und engagiert sich ehrenamtlich für den VDI. Seit 2011 leitet er den VDI-Freundeskreis in Melbourne. Im Interview mit dem VDI spricht Will über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, über das Auswandern und verrät, welche Bedeutung „German engineered“ in Australien hat.Bild: Shutterstock__341416760

Welche Angebote bietet der VDI in Australien?
Karl-Heinz Will: Die Angebote der VDI-Zentrale in Düsseldorf können von allen in Australien lebenden VDI-Mitgliedern genutzt werden. Der VDI-Freundeskreis Australien fungiert als verlängerter Arm vor Ort. Der Freundeskreis hat Repräsentanten in der Hauptstelle Melbourne und in Sydney. In beiden Großstädten finden regelmäßige Treffen, Fachseminare, Firmenexkursionen statt.
Partnerschaften mit dem Institute of Instrumentation, Control and Automation und der Deutsch-Australischen Industrie- und Handelskammer ermöglichen VDI-Mitgliedern die Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungsprogrammen. Um Wissensaustausch anzuregen und Kontakte auszubauen, werden auf Anfrage auch andere Interessierte (z. B. Austauschstudenten) eingeladen, die nicht VDI-Mitglieder sind. Außerdem informiert der Freundeskreis in den sozialen Medien XING und LinkedIn über seine Aktivitäten.

Bild: VDI-Freundeskreis Australien

Meerwasserentsalzungsanlage in Australien

Wie unterscheidet sich die Arbeit eines Ingenieurs in Australien von der in Deutschland?
Will: In Australien haben Arbeitnehmer weniger Rechte (z. B. kurze Kündigungsfristen), häufig keinen Kündigungsschutz und weniger Urlaub. Freie Stellen werden schneller neu besetzt. Ein „roter Faden“ im Lebenslauf ist weniger entscheidend als die Fähigkeiten, die ein Arbeitnehmer in das Unternehmen einbringen kann. Stellenwechsel und auch Karrierewechsel in ein neues berufliches Umfeld sind häufiger zu beobachten als in Deutschland.

Bild: privat

Karl-Heinz Will

Welche Kenntnisse braucht ein Ingenieur in Australien?
Will: Als australische Besonderheit im Ingenieurswesen fallen mir da die Weiterbildungsangebote ein. Die kontinuierliche Weiterbildung (CPD) hat in Australien einen hohen Stellenwert. Oftmals verlangen die Arbeitgeber der australischen Ingenieure sogar die Mitgliedschaft in einer lokalen Ingenieurvereinigung, die CPD-Programme anbietet.

Was sollte ein Ingenieur aus Deutschland beachten, wenn er in Australien arbeiten möchte?
Will: Ich denke, es ist zentral, sich im Klaren darüber zu sein, warum man gerade nach Australien möchte. Wenn man einen genauen Plan und konkrete Aussichten für sein Leben und seine Karriere im Kopf hat, dann hilft das sehr dabei, anzukommen und auch erfolgreich zu sein. Sicherlich ist es auch wichtig, sich rechtzeitig und umfassend über alle Gegebenheiten und Formalia (wie etwa die Anerkennung des deutschen Ingenieurabschlusses) zu informieren. Auf der VDI-Freundeskreis-Website finden interessierte Ingenieure nützliche Tipps.

Welchen Stellenwert hat das deutsche Ingenieurswesen in der australischen Wahrnehmung? Was hat Sie also dazu veranlasst, den VDI nach Australien zu exportieren?
Will: Der Begriff „engineer“ wird in der breiten Öffentlichkeit nicht automatisch mit einer Wissenschaft assoziiert. Zum Beispiel kommt es oft vor, dass ein Mechaniker, der keinen Ingenieur-Abschluss hat, nicht nur als “mechanic” sondern auch als “engineer” bezeichnet wird. „German Engineered“ genießt in Australien ein hohes Ansehen, steht für Qualität, Präzision, Effizienz. Australische Firmen, die deutsche Produkte im Portfolio haben, werben mit diesen Eigenschaften.
In den frühen 80er Jahren fanden sich einige deutsche Ingenieure in Melbourne. Unter ihnen waren VDI-Mitglieder, die einen Anlaufpunkt für Gleichgesinnte bieten wollten. Mit Unterstützung der VDI-Zentrale wurde schließlich der Freundeskreis gegründet und in das VDI-Netzwerk integriert.

Bild: VDI-Freundeskreis Australien

VDI-Freundeskreis in Australien

Welches sind Ihre aktuellen Projekte beim VDI Australia?
Will: Wir erwägen, einen VDIni-Club (Technik-Aktivitäten für Kinder) in Melbourne oder Sydney aufzubauen. Spielerisches Erlernen von Technik mit dem deutschsprachigen VDIni-Programm, wäre eine kulturelle Bereicherung für in Australien lebende Kinder.

Gibt es Projekte, die Deutschland von Australien übernehmen könnte?
Will: Ich halte es für wichtig, dass beide Industrie-Nationen voneinander lernen.
Die Regierungen haben 2014 eine Berater-Gruppe gegründet, um die Beziehung zwischen Australien und Deutschland zu stärken. Die Australian-German Advisory Group (AGAG) identifiziert und entwickelt Initiativen in verschiedenen Bereichen, inklusive Wissenschaft und Bildung. Gemeinsame Projekte betreffen u.a. moderne Fertigungsverfahren, digitale Transformation, Energie, Kommerzialisierung der Forschung, Bildungs-/Studentenaustausch. Ein Ziel ist z.B. die Entwicklung globaler Industrie 4.0 Standards.

Das Interview führte: Julia Köhler
Aufgabe beim VDI: Referentin Kommunikation

 

 

 

 

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