Interview mit Biomechaniker Prof. Hennig

Hightech zum Schnüren

Der Ball rollt wieder. In Russland spielen vom 14. Juni bis zum 15. Juli 2018 32 Nationen den neuen Fußball-Weltmeister untereinander aus. Grund genug einmal aus technischer Sicht auf die WM zu schauen. Heute kümmern wir uns um das wichtigste Bekleidungsstück neben dem Trikot – die Fußballschuhe. Ob klassisch schwarz, oder ganz modern in Neon Gelb oder Grün. Es kommt vor allem auch auf das Material und Gewicht an. Das weiß niemand besser als Ewald Hennig. An der Universität Duisburg-Essen testet der Professor für Biomechanik und Bewegungslehre die Profischuhe der Kicker.

Bild: shutterstock_641870704

Es kann Jahre dauern, bis aus einem Prototyp ein fertiger Schuh wird. In der Zwischenzeit wird vor allem eines: getestet, getestet und nochmals getestet. Seit 1998 geschieht das auch im Labor von Prof. Ewald Hennig. Der Physiker mit den Forschungsschwerpunkten Hochleistungssport und Verletzungsprophylaxe hat bereits für viele große Sportartikelhersteller Fußballschuhe auf den Kopf gestellt.

Bild: privatFußball_Prof. Ewald Hennig

Biomechaniker Prof. Ewald Hennig

Prof. Hennig, welche Eigenschaften muss ein Fußballschuh mitbringen, damit sein Träger erfolgreich Fußball spielen kann? Das Wichtigste ist Komfort, gefolgt von Rutschfestigkeit auf dem Rasen und Halt im Schuh. Ein gutes Ballgefühl und geringes Schuhgewicht sind weitere Prioritäten von Fußballspielern. Der Wunsch nach verletzungsprophylaktischen Schuheigenschaften ist übrigens nachrangig und spielt beim Kauf keine Rolle.

Mit welchen Methoden kommen Sie und Ihr Team diesen Eigenschaften auf die Spur?
Mit Hochgeschwindigkeitskameras zeichnen wir auf, wo der Ball den Fuß trifft, wie unsere Probanden geschossen haben und wie gepasst wird. Wir setzen Sensoren ein, die den Druck messen und zeigen, wie stark die Fußsohle an den einzelnen Stellen belastet wird. Auch die Praxis kommt nicht zu kurz: Auf dem Fußballplatz schicken wir unsere Probanden im Slalomparcours über den Rasen. Hier können wir prüfen, wie sich der Schuh beim Beschleunigen verhält, ob er sicheren Halt bietet oder ob man seitlich wegrutscht. Zusätzlich befragen wir Spieler unterschiedlichsten Könnens, was sie von ihrem Arbeitsgerät erwarten.

Stimmt es tatsächlich, dass Känguruleder für Fußballschuhe verwendet wird? Warum ist das so?
Ja, dieses weiche und anschmiegsame Leder war und ist immer noch der Garant für ein gutes Ballgefühl sowie ein angenehmes Schuhklima. Auch wenn synthetische Materialien heutzutage nahe an diese Eigenschaften herankommen, so schwören Fußballspieler immer noch auf das bewährte Känguruleder.

Bild: Universität Duisburg-Essen

Fußballschuhe vor 50 Jahren waren deutlich schwerer als die heutigen Modelle. Wie werden sich die Schuhe in Zukunft noch verändern? Welche biomechanischen Entwicklungen erwarten Sie?
Mit neuen Konstruktionsmaterialien können heute Schuhe zwischen 100 und 200 Gramm hergestellt werden, die stabil genug sind, genügend Traktion auf dem Feld und Halt im Schuh zu bieten. Vom Gewicht her ist da nicht mehr viel Luft nach unten. Auch wenn Spieler es kaum glauben können: Ein geeigneter Schuh kann die Schussgenauigkeit verbessern, wie wir durch eigene Studien nachweisen konnten. Diesem wichtigen Thema hat sich die Schuhindustrie bisher kaum gewidmet – hier ist Nachholbedarf. Durch innovative Materialien wäre es auch vorstellbar, dass sich die Stollen eines Schuhs den Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen des Rasens anpassen.  Wäre es nicht fantastisch, wenn der Schuh seine Bodenhafteigenschaften auf dem Rasen anpasst, sobald es im Spiel anfängt zu regnen?

Zu guter Letzt Ihr Tipp: Welche Mannschaft holt dieses Jahr den WM-Titel?
Deutschland natürlich – zumindest sind unsere Chancen nicht schlecht!

Cathrin Becker_2Das Interview führte: Cathrin Becker

Kommentare & Pingbacks

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*