Urbane Produktion und Logistik

Digitalisierung als Treiber urbaner Industrie

Urbane Produktion und Logistik bedeutet die Herstellung, die Verarbeitung und den Versand von materiellen Gütern in dicht besiedelten Gebieten. Ziel ist die physische Verschmelzung von Produktionsort, Arbeits- und Absatzmarkt im Umfeld städtischer Ballungsräume. Mit diesem Fokusthema zeigt der VDI die vielen Aspekte und Vorteile einer stärkeren Integration produzierender Industrie- und Logistikunternehmen in Ballungsräumen und die notwendigen Voraussetzungen dafür. In einem Interview geht Jean Haeffs, Geschäftsführer der VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL), u. a. auf die Rolle der Digitalisierung ein.

Herr Haeffs, wo liegt für Sie der größte Vorteil urbaner Produktion und Logistik?
Ein zunehmend wichtiger Grund für ein Unternehmen innerstädtisch zu produzieren ist die potenziell hohe Verfügbarkeit von qualifizierten Fachkräften und deren möglichst langfristige Bindung an das Unternehmen. Kurze Wege zwischen Wohnung und Arbeitsstätte, hohe Lebensqualität, gute Infrastruktur für den alltäglichen Bedarf sowie (Weiter-)Bildungs- und Kulturangebote sind heute zentrale Kriterien der Mitarbeiter bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber. Immer mehr Unternehmen folgen bei ihren Standortentscheidungen deshalb den benötigten Fachkräften – und nicht umgekehrt. Unternehmer suchen die Nähe zu Städten bzw. wollen in Stadtnähe bleiben, um für qualifiziertes Personal attraktiv zu sein.

Darüber hinaus sind Städte reale Inkubatoren, die gute Mitarbeiter, Wissen und Ressourcen optimal miteinander vernetzen. Städte sind Nährböden für Innovationen und verfügen über die notwendigen Netzwerke. Kunden, Zulieferer und weitere Dienstleister sind schnell erreichbar. Die Nähe zur Start-up-Szene und zur Kreativwirtschaft kann zusätzliche positive Impulse auslösen.

Bild: VDI

Jean Haeffs, Geschäftsführer der VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL)

Dann sollte ja einer friedlichen Symbiose von Stadt und Industrie nicht im Wege stehen, oder?
In den meisten Gebieten Deutschlands herrscht eine eher strikte Trennung von Wohngebieten auf der einen und Industrie- und Gewerbegebieten auf der anderen Seite: Ausdruck der entsprechenden städtebaulichen Philosophie der vergangenen Jahrzehnte. Viele Menschen haben deshalb keine unmittelbaren Berührungspunkte mehr zur Industrie, weder beruflich noch privat. Die Folge: Der Mehrwert von Industrie für die Stadt und die Menschen vor Ort, ihre Bedeutung für Arbeitsplätze und Wohlstand wird übersehen oder unterschätzt.

Gerade Unternehmen im urbanen Raum, die ihren Standort in unmittelbarer Nähe zur Wohnbebauung haben, müssen sich unbedingt gegenüber ihrem nachbarschaftlichen Umfeld öffnen. Respekt und gegenseitiges Vertrauen sind dabei das A und O. Dies gilt insbesondere, wenn das Unternehmen konkrete Änderungs- oder Erweiterungspläne am Standort hat: Hier entstehen Probleme meist dadurch, dass wichtige Akteure am Standort zu spät in die Planungen eingebunden werden – klassischerweise erst, wenn es Beschwerden gegen laufende Aktivitäten oder Einsprüche zu Genehmigungsverfahren gibt. Auch wenn vom Unternehmen die gesetzlich vorgeschriebenen Informationspflichten erfüllt werden, fühlen sich Nachbarn doch übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt. Ein aktives Beziehungsmanagement ist für Produktions- und Logistikunternehmen im urbanen Umfeld daher der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg.

Wird es für Unternehmen durch die Digitale Transformation leichter, im urbanen Umfeld zu bleiben bzw. sich dort neu anzusiedeln?
Das Spektrum an innovativen Technologien und revolutionären Werkstoffen eröffnet natürlich völlig neue Möglichkeiten, beispielsweise zur Herstellung individueller und lokaler Produkte, die trotz kleinster Stückzahlen und Serien wirtschaftlich zu vermarkten sind. Die größten, disruptiven Umwälzungen erleben wir derzeit in der Digitalisierung der Fertigungsprozesse und der Logistikabläufe. Werden die Maschinen direkt mit dem Internet und untereinander verbunden, lassen sich wesentlich effizientere Wertschöpfungsketten designen. Aus den digital vernetzten Werkstücken werden interaktive Teilnehmer eines Prozesses im Internet der Dinge.

So können Produkte in Kleinstserien oder gar als Einzelstücke kostengünstig hergestellt – in enormer Geschwindigkeit, individuell „on demand“ – und vielleicht sogar noch am selben Tag geliefert werden. Gerade die Digitalisierung ist demnach ein starker Treiber der urbanen Fertigung, da sie dadurch kleinteiliger, dezentral und damit stadtverträglich wird.

Können davon denn auch kleine und mittlere Unternehmen profitieren?
Nahezu jede Branche und jedes Unternehmen kann diese Potenziale der Digitalisierung in irgendeiner Form und in einem individuellen Maße für sich nutzen. Die vernetzte Welt ermöglicht völlig neue Geschäftsmodelle und gibt längst ausgestorben geglaubten eine zweite Chance. Beispielsweise die Mini-Manufaktur, für die es sich wieder lohnt, im Hinterhof Brillen in Einzelfertigung herzustellen, weil die Digitalisierung eine kostengünstige Personalisierung von Produkten und einen effizienten Vertrieb über den Onlinehandel möglich macht. Und die Digitalisierung verändert keineswegs nur die Fertigungsprozesse. Ebenso positiv beeinflusst werden „Just-in-Time“-Zulieferungen als Teil der Logistik- und Warenströme sowie die Vertriebswege.


Das Interview führte:
Stephan Berends
Position: Referent Public Affairs und Kommunikation im VDI e.V.

 

 

Besuchen Sie dazu unsere Website www.vdi.de/urbane-produktion für Informationen zu geplanten VDI-Veranstaltungen und Publikationen zum Thema „Urbane Produktion und Logistik“.

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