Nach dem Brückeneinsturz in Genua ist die Frage nach der Ursache ungeklärt

Deutsche Brücken werden sehr gut überwacht

Nach dem Einsturz der Morandi-Autobahnbrücke in Genua sind noch viele Fragen offen. Neben der nach den Verantwortlichen stellt sich vor allem auch die Frage nach der möglichen Ursache. Während des Einsturzes gab es ein heftiges Unwetter mit Blitzeinschlägen über der Stadt. Kann das der Auslöser für das Unglück gewesen sein? Und wie ist es um die Sicherheit deutscher Brücken bestellt? Frank Jansen von der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik klärt auf.

Bild: shutterstock_Tobias Steinert

Die Leverkusener Brücke ist momentan für LKWs gesperrt.

Wie kann es zu einem solchen Brückeneinsturz kommen?

Hier gibt es viele Möglichkeiten, die in Betracht kommen. Eine verlässliche Aussage über die Ursache lässt sich allerdings nur durch eine eingehende Untersuchung feststellen. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es reine Spekulation sich hier festzulegen. Prinzipiell kann es, wenn beim Bau und vor allem beim Betrieb einer Brücke alle technischen Regelwerke beachtet wurden, zu so einem Unglück eigentlich nicht kommen. Es sei denn, es kommt zu einem außergewöhnlichem Ereignis wie einem Erdbeben oder einem Flugzeugabsturz auf der Brücke. Gerade Brücken werden in der Bemessung/Konstruktion soweit mit Sicherheitsbeiwerten gerechnet, dass Sie selbst den ungewöhnlichsten Unwetterbedingungen problemlos standhalten. Vor allem Verkehrsbauwerke, die ja einer besonderen Beanspruchung durch den Verkehr ausgesetzt sind, müssen jedoch regelmäßig inspiziert und gewartet werden. Sollte dies in Genua vernachlässigt worden sein, könnte es natürlich ein Grund für das Versagen des Brückentragwerks gewesen sein – aber auch das ist zum jetzigen Zeitpunkt natürlich Spekulation.

Kann ein Blitzeinschlag eine Brücke zum Einsturz bringen?

Nein – zwar sind Brücken aufgrund ihrer Höhe und exponierten Lage prädestiniert für Blitzeinschläge, jedoch verfügen sie gerade aus diesem Grund über Blitzschutzsysteme. Diese sorgen dafür, dass Blitze im Fall der Fälle in das Erdreich abgeleitet werden, ohne dass die Brücke oder die darauf befindlichen Personen und Autos Schaden nehmen. Die Blitzschutzsysteme gehören natürlich auch zu den regelmäßig zu überprüfenden Brückenkomponenten.

Bild: VDI

Frank Jansen, Experte für Bautechnik und technische Gebäudeausrüstung im VDI.

In welchem Zustand sind die Brücken in Deutschland?

In Deutschland gibt es etwas 40.000 Autobahn- und Fernstraßenbrücken (kleinere Straßen- und Eisenbahnbrücken nicht mit eingerechnet). Der überwiegende Teil ist in einem guten Zustand – ich würde mal schätzen 90%. Bei den restlichen Brücken besteht in den nächsten Jahren Handlungsbedarf. Bei einigen Brücken waren sofortige Handlungsmaßnahmen notwendig. Die Folge ist, dass der Verkehr diese Brücken teilweise nur eingeschränkt oder nicht nutzen kann. Prominentes Beispiel ist die Rheinbrücke in Leverkusen, die zurzeit für LKWs gesperrt ist.

Nach welchen Kriterien werden Brücken in Deutschland gewartet?

Brücken gehören zu den am besten überwachten Bauwerken in Deutschland. Die Kriterien sind in der DIN 1076 „Ingenieurbauwerke im Zuge von Straßen und Wegen – Überwachung und Prüfung“ beschrieben. Bei den Hauptprüfungen (alle 6 Jahre) werden im Prinzip alle Brückenkomponenten detailliert begutachtet – teilweise auch mit technischen Hilfsmitteln, z.B. bei Bedarf auch mit Radar- oder Ultraschall-Echo Messungen. Bei der einfachen Prüfung (alle 3 Jahre) gibt es eine erweiterte Sichtprüfung, bei der alle wichtigen Komponenten begutachtet werden. Bei der Sichtprüfung, die mindestens einmal im Jahr stattfindet, sind erfahrene Fachleute unterwegs, die ggf. Verdachtsmomente aufnehmen können und weitere intensivere Untersuchungen veranlassen.

Für Bauwerke, die nicht in den Geltungsbereich der DIN 1076 fallen, also im Prinzip alle Gebäude in denen wir uns sonst so aufhalten (Bürogebäude, Supermarkt, Flughafen etc.) gibt es übrigens eine VDI Richtlinie, in der die Inspektion von Bauwerken beschrieben wird. Das ist die Richtlinie VDI 6200 „Standsicherheit von Bauwerken; Regelmäßige Überprüfung“.

Bild: VDI

 

Das Interview führte: Dirk-Eike Röckel
Aufgaben beim VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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