Anforderungen an Sachverständige

Liegt die Latte zu hoch?

Bild: shutterstock_527436790

Wenn bei einer Prüfung die überwiegende Anzahl der Prüflinge durchfällt, dann muss man sich fragen, ob die Prüfung unangemessen schwierig ist. Bei den Prüfungen zum VDI/BTGA-ZVSHK-zertifizierten Sachverständigen TWH (Trinkwasserhygiene) ist die Durchfallquote sehr hoch. Als Betreuer des Themas im VDI habe ich mir diese Frage gestellt.

Nähern wir uns der Frage von der anderen Seite:

Was unterscheidet eigentlich „Fachleute“ von „Sachverständigen“?
Alle Fachleute haben sich aus eigenem Antrieb fortzubilden.

Wenn ein Laie einen Fachmann beauftragt, muss er darauf vertrauen können, dass der Fachmann tatsächlich einer ist; das ist der Grundsatz von Treu und Glauben. Daher sind Fachleute verpflichtet, ihren Wissensstand aktiv auf Ballhöhe zu halten.
Da die Trinkwasserverordnung (TrinkwV) feststellt, dass nur dann kein Grund zur Sorge über Gefährdungen der Nutzer durch Trinkwasser gegeben ist, wenn alle (!) eingehalten werden, bedeutet das, dass Ingenieure und Handwerker alle allgemein anerkannten Regeln der Technik zu Planung, Errichtung und Betrieb der Trinkwasser-Installation ständig auf aktuellem Stand kennen müssen.

Das sind nicht nur ziemlich viele Seiten eines sich recht dynamisch an den aktuellen Wissensstand anpassenden Regelwerks, sondern auch eine Menge ungeschriebenes Praxiswissen, das nach Meinung der Fachleute so grundlegend ist, dass man es heute nicht mehr aufschreiben muss. Das meiste davon wird man im Rahmen einer einschlägigen Berufsausbildung lernen, vieles aber nur durch Tun, sprich: durch Berufserfahrung.
Wenn man eine passende Berufsausbildung und zeitnahe Berufserfahrung hat und sich fortbildet, ist man ein ehrenwerter, ordentlicher Fachmann. Praxiserfahrenen Fachleuten, die ein Problem anschauen und aus ihrem Fachwissen heraus die Lösung finden und umsetzen können, gebührt höchster Respekt.

Bild: shutterstock_761907082

Trotzdem sind sie nicht per se schon Sachverständige. Sachverständige sind eine Elite, die die Arbeit von Fachleuten überprüfen und beurteilen soll. Auf die „serienmäßige Ausstattung“ des Fachmanns muss der Sachverständige also noch eine ordentliche Schüppe drauflegen. Dieses Wissen bekommt man erstens nicht von allein oder schon im Rahmen der Berufsausbildung vermittelt und zweitens nicht einfach durch Lektüre von ein paar (oder auch vielen) Seiten Regelwerken und Fachliteratur, sondern nur durch wirklich viel und dauernde praktische Erfahrung zusätzlich zu der genannten „Serienausstattung“.

Nun sind Praktiker häufig Techniker, Meister oder Ingenieure geworden, gerade weil sie Technik im Blut haben und nicht Schriftsteller oder Deutschlehrer werden wollten. Sie brauchen keine ausgefeilten rhetorischen Kenntnisse, weil dem Erkennen eines Problems ohne Umwege die praktische Umsetzung der Lösung folgt.
Das ist beim Sachverständigen anders: Er muss seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen für Dritte, bei denen es sich Laien handeln kann, in Form eines schriftlichen Gutachtens nachvollziehbar machen können. Die Konkretisierung und Ausführung von Korrekturmaßnahmen obliegt speziell bei einer Gefährdungsanalyse an einer Trinkwasser-Installation anderen, beispielsweise besagten erfahrenen Praktikern.

Angesichts der juristischen Relevanz einer solchen Gefährdungsanalyse muss er daher nicht nur über die entsprechende Ausdrucksfähigkeit in Wort und Bild verfügen, sondern auch die rein formalen Anforderungen an ein Gutachten kennen und einhalten.

Warum reicht VDI 6023, Kategorie A, nicht aus?

Die Trinkwasserhygiene-Schulungen nach VDI 6023, Kategorie A und B, vermitteln die wichtigsten Grundlagen der Trinkwasserhygiene. Sie zählen zu dem, was der „ordentliche Fachmann“ drauf haben muss. Das reicht nach dem zuvor Gesagten aber noch nicht zur Durchführung von Gefährdungsanalysen. Das behauptet übrigens auch die UBA-Empfehlung zur Gefährdungsanalyse nicht, die nur die Vermutungswirkung beinhaltet, dass jemand mit einschlägiger Berufsausbildung und -erfahrung sowie VDI-Urkunde Kategorie A in der Lage sein sollte, sich dieser Aufgabe anzunehmen.

Ein Kandidat, der dieses Ziel im Auge hat sollte auf Fragen wie

  • Was bedeutet „bestimmungsgemäßer Betrieb“ bei einer Trinkwasser-Installation?
  • Was umfasst die Hygiene-Erstinspektion?

antworten können, ohne lange nachzudenken. Ferner sollte er zusätzlich zu den grundlegenden Kenntnissen aus den Trinkwasserhygieneschulungen nach VDI 6023, Kategorie A, detaillierte Kenntnisse

haben.

Bild: shutterstock_527436790!-shutterstock_768252724

Dass allein diese „Papierkenntnisse“ nicht ausreichen, wurde bereits eingangs ausgeführt.

Die Zertifikatsprüfung TWH ist eine ernst gemeinte und schwierige Prüfung. Die Prüfungen nach Schulungen der o. g. Kategorien A und B sind entsprechend dem Ziel der Sensibilisierung nicht wirklich schwierig. Sie dienen eher „Vigilanzbooster“, als Warnschild „Schlafen während der Schulung ist nicht ratsam.“
Die Prüfungen zum VDI/BTGA/ZVSHK-zertifizierten Sachverständigen TWH auf der anderen Seite sind stramm, denn wer sie besteht, darf sich mit dem Segen der Träger dieser Zertifizierung „Sachverständiger TWH“ nennen und bekommt einen Stempel mit dem Logo des VDI. Die gute Nachricht ist aber die: Bei denen, die es geschafft haben, kann der Auftraggeber davon ausgehen, dass sie wirklich etwas auf dem Kasten haben. Das dürfte insbesondere für professionelle FM-Dienstleister, für die rechtssicheres Betreiben essenziell ist, aber auch für alle anderen verantwortungsvollen Betreiber von Trinkwasser-Installationen ein schlagkräftiges Argument für die Beauftragung von nach diesem Modell zertifizierten Sachverständigen sein.

Ein Register der erfolgreich geprüften VDI/BTGA/ZVSHK-zertifizierten Sachverständigen TWH finden Sie unter http://www.dincertco.tuv.com/search?locale=de&q=PZ-TWH.

Vorsicht: Eine schicke Urkunde macht noch keinen Sachverständigen

Es gibt viele „Schein-Sachverständige“, die eine schön designte Urkunde vorweisen können. Wie trennt man als potenzieller Auftraggeber, der nicht tief in der Materie steckt, die Spreu vom Weizen? Da hilft nur ein bisschen Recherche: Eine Zertifizierung, die diesen Namen verdient, kann nur aufgrund

  • eines öffentlich einsehbaren Zertifizierungsprogramms und
  • vorzugsweise von einer für Zertifizierungen nach DIN EN ISO/IEC 1702x akkreditierten Stelle

ausgesprochen werden. Das Zertifizierungsprogramm sollte mindestens

  • die Voraussetzungen für die Zulassung zur Prüfung und
  • Art und Umfang der Prüfung

festlegen.

Bild: Thomas Wollstein

Und ganz wichtig: Prüfer und Zertifizierer müssen frei von Interessenskonflikten agieren. Klartext: Es muss ihnen egal sein, ob ein Prüfling besteht oder durchfällt. Wer als Schulungsträger mit Schulungen sein Geld verdient, der ist darauf angewiesen, dass möglichst viele Menschen in seine Schulungen kommen. Wenn er nach der Schulung selbst die Prüfungen durchführt und Teilnehmer durchfallen lässt, dann sind diese Teilnehmer (und deren entsendende Stellen) sauer und suchen sich das nächste Mal jemanden, der sie bestehen lässt. Ob eine Zertifizierung, die von der „Mustermann Zertifizierungs-GmbH“ durchgeführt wird, nachdem die Prüflinge an der Schulung der „Mustermann Fortbildungs-GmbH“ teilgenommen haben, unabhängig ist, müsste man also mal hinterfragen, selbst wenn es natürlich einfacher ist, bei Chef und ggf. Controller eine Schulung genehmigt zu bekommen, bei der Schulung und Zertifizierung im günstigen Paketpreis daherkommen.

Wenn der Prüfer bis 16 Uhr Referent ist und ab 16:10 prüft, dann hätte ich starke Zweifel. Die Prüfungsfragen kannte der Prüfer schon, als er noch Referent war und er hat an den entsprechenden Stellen der Schulung schon den Teilnehmern zugezwinkert, sich mal eine Notiz in den Unterlagen zu machen, die sie bei der Prüfung verwenden dürfen. Das ist für den Teilnehmer in dem Sinne schön, dass das Bestehen einfacher ist; fast könnte man von Zertifizierung mit Erfolgsgarantie sprechen, von einer ernst gemeinten Prüfung aber wohl nicht.

Wenn man sich bestehende Zertifizierungsprogramme oder -leitlinien anschaut, sind deutliche Unterschiede in den Anforderungen und im Inhalt augenfällig. (Das Zertifizierungsprogramm zum VDI/BTGA/ZVSHK-zertifizierten Sachverständigen TWH finden Sie unter www.dincertco.de/6023.)

Angesichts der Haftungs- und anderen Risiken einer Gefährdungsanalyse nach TrinkwV lohnt es für den Auftraggeber einer Gefährdungsanalyse, genauer hinzuschauen, denn das Ergebnis einer missratenen Gefährdungsanalyse ist häufig nicht nur nutzlos bedrucktes Papier, sondern mitunter auch materieller Schaden, beispielsweise an der Installation oder Folgeschaden durch Betriebseinschränkungen oder -unterbrechungen. Bei einem hochwertigen Hotel beispielsweise, das nach einer schlechten Gefährdungsanalyse für Wochen schließen muss, treten Schäden in Schwindel erregender Größenordnung auf.

In diesem Sinne: Nein, wir denken nicht, dass die Latte zu hoch liegt!

 

Autor: Thomas Wollstein
Position im VDI: Betreuer der Themen Sanitärtechnik“ und „Trinkwasserhygiene“ im Bereich Technik und Wissenschaft

 

 

Kommentare & Pingbacks

6 Gedanken zu “Liegt die Latte zu hoch?

  1. Sachverständig – eine Elite?

    Schade, dass das so gesehen wird! Das kommt schon sehr Hochnäsig rüber! Ich sehe mich als Partner, Berater, unabhängiger Fachmann an! Nicht von ober herab sollten wir uns auf dem Markt präsentieren….

  2. Ich habe lange überlegt, ob ich das Wort „Elite“ benutzen sollte. Es soll damit nicht die Nase zum höchsten Punkt des Körpers gemacht werden. Die Definition von „Elite“ lautet: „eine Auslese darstellende Gruppe von Menschen mit besonderer Befähigung, besonderen Qualitäten; die Besten, Führenden; Führungsschicht, -mannschaft“.
    Es lohnt hier, das Augenmerk auf das Wort „besondere“ zu richten.
    Es soll mit dem Beitrag verdeutlicht werden, dass, wie im Artikel dargestellt und wie in der Richtlinie VDI/BTGA/ZVSHK 6023 Blatt 2 beschrieben, ein Sachverständiger eben nicht dasselbe wie ein Fachkundiger ist, sondern mehr als der Durchschnitt wissen muss, eben weil er die Arbeit anderer Fachleute beurteilen soll.
    Das ist übrigens nicht die Sicht des VDI oder des Autors, sondern auch das juristische Verständnis.

  3. Wenn so wenige Sachverständige zertifiziert sind muss man sich auch mal Fragen, ob der Lehrgang als allgemein anerkannt angesehen werden kann. Ich denke dies ist bei einer solch geringen Quote nicht der Fall.

    • Die Prüfungen finden in recht langen Abständen statt und je Termin können nur wenige Prüflinge abgearbeitet werden, da die Prüfung mit ihren drei Teilen ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Insofern wird es etwas dauern die Liste zu füllen.
      Es ist aber auch klar zu sagen, dass das Zertifizierungsprogramm – wie andere Definitionen der Bestellungsgebiete von Sachverständigen – keineswegs „allgemein anerkannt“ sind oder sein müssen. Dafür müsste man das Programm und die Anforderungen einem Einspruchsverfahren unterziehen. Das ist weder üblich noch sinnvoll.

  4. mal Hand aufs Herz,…
    ein Verband, der eine Schulungsmaßnahmen, eine Prüfung abnimmt und einen Mitgliederbeitrag erhebt, kann dieser als neutrale Stelle und Objektiv angesehen werden?

    Für mich persönlich widerspricht sich das ganze und ich sehe dies eher als eine wirtschaftlich geprägte Maßnahme.

    Die Elite ist fast überall und vor allem neben an zu finden! Macht einfach die Augen auf!

    Auch eine Prüfung, ein Stempel und die Mitgliedschaft (VDI) alleine macht nicht den ELITE Sachverständigen aus!

    • 1) Der VDI ist kein Verband (= Lobby), sondern ein gemeinnütziger Verein persönlicher Mitglieder, der satzungsgemäß zum Nutzen aller unterwegs ist.
      2) Bei den TWH-SV gibt es keine vom VDI in irgendeiner Weise getragene Schulung.
      Trinkwasserhygieneschulungen nach VDI 6023, Kat. A und B, haben mit dieser Zertifizierung nichts zu tun. Diese Schulungen werden im Rahmen eines Partnerschulungssystems von Schulungsträgern angeboten, die nur hinsichtlich der Qualitätssicherung und Lizenzregelung einen Vertrag mit dem VDI haben, aber sonst von diesem unabhängig sind. Alles andere wäre auch nicht mit unserer Gemeinnützigkeit nicht verträglich.
      3) Die Zertifizierung wird nicht vom VDI vorgenommen, sondern von DIN-CERTCO, einem vom VDI unabhängigen Dienstleister, der für Zertifizierungen akkreditiert ist.
      4) Mitgliedschaft ist keine Voraussetzung für die Zertifizierung.
      5) Die Elite (= Auslese) kommt nur durch eine Prüfung auf hohem Niveau zustande.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*