Was wir Frauen noch von den Männern lernen können

Selbstzweifel im Studium

Blicke ich auf mein Ingenieursstudium in Aachen zurück, fällt mir vor allem eine Frage ein, die mir von meinen Kommilitonen am häufigsten gestellte wurde:

Bild: shutterstock_ Jacob Lund

„Warum studierst du als Frau Ingenieurwesen?“

Dazu gab es noch einen wahrscheinlich positiv gemeinten Kommentar zu meinem Aussehen oder meiner Person, die mir weiß machen sollte: Ich als nicht wie ein Mann aussehende Frau, die noch dazu nicht langweilig ist, passe irgendwie nicht ganz ins Klischee herein. Mit solchen Kommentaren konnte ich noch leben, denn unabhängig von der Studienwahl passte ich noch nie wirklich irgendwo herein und in eine Schublade schon gar nicht.

Interessanter wurde es jedoch, als man anfing für Klausuren zu lernen. Ich gebe zu, dass ich eher zu den Studenten gehörte, die etwas mehr Aufwand betreiben mussten, um eine Klausur zu bestehen. Stolz kam bei mir immer dann auf, wenn ein paar meiner Kommilitoninnen mit besonderen Glanzleistungen aus unserem Studium herausstachen. Das Gefühl immer ein wenig besser sein zu müssen als der Durchschnitt (welcher ja aus circa 90 Prozent Männern bestand), um sich als Frau irgendwie für seine Studienwahl zu rechtfertigen, hing unterschwellig immer ein bisschen mit, wenn auch ungewollt und wahrscheinlich unnötig. Und selbst wenn ich nicht zu diesen überdurchschnittlichen Studentinnen gehörte, war man/Frau doch irgendwie dadurch ein wenig aus dem Scheinwerferlicht weggerückt. Somit konnte man in der Durchschnittlichkeit des männlichen Ingenieurs wohlwollend untergehen.

Ein Moment in meinem Studium ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben:

Ein Kommilitone und ich lernten für einen Drittversuch. Als ich ihn zwei Tage vor der Klausur eine technische Frage stellte, antwortete er mir: „Das weißt du nicht? Bist du dir sicher, dass du überhaupt das richtige studierst? Dann viel Erfolg beim Drittversuch.“ In dem Moment sah ich mich schon in der mündlichen Prüfung beim Professor sitzen; es sollte jedoch ganz anders kommen. Mein Kommilitone fiel in der Klausur durch und ich bestand diese knapp mit einer meiner ersten und im gesamten Studium auch einzigen Punktelandung. Diese Punktelandung schrieb ich meinem Glück zu, welches ich kaum fassen konnte. Als ich meinem Kommilitonen kurze Zeit später begegnete, erklärte er sich sein Durchfallen in der Klausur mit äußeren Umständen, denn er sei ja viel besser vorbereitet gewesen als ich.

Generell stellte ich während meiner Zeit in Aachen fest, dass meine männlichen Kommilitonen ihre Erfolge immer auf ihr eigenes Können zurückführten und Misserfolge auf Pechsträhnen, während ich bei meinen Erfolgen oft von Glück oder äußeren Gegebenheiten sprach und bei Misserfolgen von eigener Unfähigkeit. Dabei wurde mir klar, dass die Art wie wir Frauen im allgemeinen Erfolge und Misserfolge erklären vor allem unseren Umgang mit herausfordernden und riskanten Situationen beeinflusst: Wenn wir Frauen so denken, werden wir vor riskanten Situationen eher zurückschrecken, weil ein Scheitern uns als Person infrage stellt, ein Erfolg unser Selbstwertgefühl jedoch nicht stärkt. Menschen, die Misserfolge mit äußeren Umständen und Erfolge mit der eigenen Kompetenz erklären, sind eher bereit Herausforderungen anzunehmen und Risiken einzugehen.

Und so konnte ich mir während meines Studiums des Öfteren bei meinen männlichen Kommilitonen eine Scheibe abschneiden, sodass ich die Geschichte meines Drittversuchs heute ganz anders erzähle: Meine damalige Punktlandung war ein Zeichen meiner Kompetenz, denn hey: Ich war immerhin eine der wenigen, die damals die Klausur bestanden haben. Und das nicht, weil das Glück diese Klausur geschrieben hatte, sondern weil ich es war.


Die Autorin Rosie Fortunello studierte von 2008 bis 2014 Wirtschaftsingenieurwesen an der RWTH Aachen und arbeitet nun als Unternehmensberaterin in der Automobilbranche.

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Selbstzweifel im Studium

  1. Als älterer Ingenieur, Jahrgang 1935 habe ich die Erfahrung machen können, dass die Frauen bei Eignung und Interesse den Männern sowohl im Studium als auch in der Praxis in Nichts nachstehend. Von mir wurden mehrere Männer bzw Frauen im Studium und im Examen als Betreuer unterstützt. Hierzu hat als beste Absolventin ihre Masterabschlussarbeit,hier Vertiefung Stahlbau Leibnitz Uni Hannover als Jahrgang beste abgeschlossen. Ein weiterer Kommentar ist überflüssig.

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