Parlamentarischer Abend des VDI zur Ingenieurausbildung

„Ingenieure werden digitale Transformation gestalten“

Auf dem Parlamentarischen Abend diskutierten Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zum Thema Ingenieurausbildung für die Digitale Transformation. Im Interview sprechen acatech-Präsident Dieter Spath und VDI-Direktor Ralph Appel über die Arbeit der Zukunft und Anpassungen in der Ausbildung von Ingenieuren.

 

Bild: Kay Herschelmann/Stifterverband

Podiumsdiskussion beim parlamentarischen Abend des VDI in Berlin

Herr Spath, Sie erforschen die Auswirkungen digitaler Transformationsprozesse auf die Arbeit. Welche Veränderungen können Sie für das Berufsbild Ingenieur zum jetzigen Zeitpunkt prophezeien?

Spath: Wir erleben gerade, wie sich mit Hilfe der digitalen Transformation eine neue Arbeitswelt gestalten lässt. Roboter entwickeln sich von starren Maschinen zu flexiblen Helfern. Digitale Assistenzsysteme begleiten uns durch Arbeitsprozesse. Daten, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden, bilden die Basis neuer Geschäftsmodelle. Wer tiefgehende Kompetenzen im Umgang mit solchen Technologien besitzt, der kann in dieser Welt dazu beitragen, dass wir in Zukunft nicht mehr und nicht weniger, sondern besser arbeiten.

Bild: Kay Herschelmann/Stifterverband

VDI-Direktor Ralph Appel bei seiner Rede.

Ingenieurinnen und Ingenieure werden also nicht allein Fachleute für einen technischen Spezialbereich sein, sondern aktive Gestalter der digitalen Transformation – und zwar über die Betriebsgrenzen hinaus: Sie bauen unternehmensübergreifende, vernetzte Ökosysteme der Wertschöpfung auf, in denen über digitale Plattformen flexible Produkt-Service-Pakete angeboten werden und gestalten auf diese Weise einen grundlegenden Wandel in der Wirtschaft, aus dem letztlich auch Antworten auf drängende gesellschaftliche und ökologische Fragen unserer Zeit resultieren.

Herr Appel, welche neuen Kompetenzen brauchen Ingenieure für die Arbeitswelt der Zukunft?

Appel: Das Berufsbild der Ingenieure wird sich grundlegend wandeln. Der Ingenieur von morgen muss künftig stärker die Chancen neuartiger, durch die digitale Transformation eröffneter Geschäftsmodelle erdenken und ergreifen. Am Beispiel der Automobilindustrie kann man diese Entwicklung anschaulich skizzieren: Hier werden sich die Interessen der Kunden sukzessive vom reinen Neuwagenkauf zur intelligenten Autonutzung über den gesamten Lebenszyklus des Fahrzeugs verschieben. Das vernetzte Auto wird Millionen von Daten generieren, deren Auswertung wiederum völlig neue Services und damit Geschäftsmodelle entstehen lassen.

Dieses Denken in digitalen Geschäftsmodellen ist meines Erachtens die zentrale und akute Herausforderung für unseren gesamten Berufsstand. Das bedeutet, dass Ingenieure ihr Wissen von der vorwiegend reinen Technik-Orientierung, in der sie Spitzenklasse sind, zu erfolgreichen, neuartigen digitalen Geschäftsmodellen ausbauen sollten. Dazu müssen sie auf dem Fundament ihres technischen Know-hows ihre Kenntnisse um weitere Skills ergänzen. Zunehmend wichtiger werden heute – unter anderem – Kenntnisse aus den Bereichen Betriebswirtschaft, Marketing, Kommunikation und Finanzen.

Bild: „Kay Herschelmann/Stifterverband“

Acatech-Präsident Dieter Spath

Wie stellen sich Hochschulen auf die digitale Transformation ein? An welchen Stellen hat sich die Lehre bereits angepasst?

Spath: Man hat sich dort der Digitalisierung bereits geöffnet. In vielen Hochschulen wurden in den letzten Jahren entsprechende Gremien eingerichtet, übergreifende Plattformen wie das Hochschulforum Digitalisierung haben sich etabliert. Bemerkbar macht sich der Digitalisierungswille der Hochschulen beispielsweise durch den zunehmenden Einsatz ergänzender digitaler Angebote, die flexibles Lernen zeit- und ortsunabhängig ermöglichen wie z.B. MOOCs oder eine bessere Ausstattung mit Digitaltechnik, z.B. mit Computern. Aber es gibt natürlich noch viel zu tun.

Ist Ihrer Meinung nach die stark verbreitete Frontallehre im Hörsaal noch zeitgemäß oder hat die klassische Form der Ausbildung ausgedient?

Appel: Grundlagen sollten im ersten Schritt theoretisch beigebracht werden. Aber es ist wichtig, dass es dabei nicht bleibt. Im zweiten Schritt müssen Studierende problembasiert lernen. Das heißt, sie nutzen interaktive Formate, arbeiten interdisziplinär in Lernfabriken und die Lehrenden geben hierbei Hilfestellung und beraten.

Bild: Kay Herschelmann/Stifterverband

Die Diskutanten und Keynote-Sprecher des Abends. (von links nach rechts: Dieter Spath, Präsident acatech, Klaus Kreulich, Vizepräsident der Hochschule München, VDI-Direktor Ralph Appel, Thomas Kerstan, Herausgeber ZEIT Campus, Kurt Bettenhausen, Senior Vice President, Siemens Corporate Technology US und Gabriele Riedmann, Gründerin und Vorsitzende des Hochschulrats der Hochschule Ruhr-West).

Heute werden beispielsweise große Datenmengen vollständig automatisiert am Computer berechnet und eingeschätzt, die vor ein paar Jahren noch hätten händisch berechnet werden müssen. Denken Sie, dass die theoretischen Grundlagen trotz dieser Entwicklungen weiterhin notwendig sind

Spath: Ohne die theoretischen Grundlagen ist die Praxis nicht zu verstehen. Im Studium muss aber beides bereits vermittelt werden! Daher hat acatech schon 2016 für die Einrichtung von Laboren an Hochschulen mit ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen geworben und Empfehlungen gegeben, wie diese Labore gestaltet werden können. In den Laboren lernen die Studierenden, das theoretische Wissen in die Praxis zu übertragen – und zwar zeitnah, nachdem sie damit in ihren Vorlesungen konfrontiert wurden.

Welche Anpassungen der Ingenieurausbildung würden Sie gerne sofort umgesetzt sehen? Und was braucht die Ausbildung, um auch in Zukunft von höchster Qualität zu sein?

Spath: Die Verknüpfung des Wissens aus Theorie und Praxis, also aus Hörsaal und Arbeitsplatz, steht im Mittelpunkt. Labore sind ein Mittel. Auch das duale Studium bietet immense Chancen. Deshalb benötigen wir eine gezielte Förderung und eine erhöhte Sichtbarkeit dualer Studiengänge als eigenständige attraktive Bildungsoption.

Generell ist die Vernetzung mit der Wirtschaft, um den Studierenden das Arbeiten und Forschen in Labs oder Lernfabriken zu ermöglichen, eine sinnvolle Sache. Damit das gelingt, brauchen wir unbedingt Lehrende, die beide Welten – Wissenschaft und Wirtschaft – kennen. Deshalb empfiehlt acatech, dass Praxiserfahrung viel stärker in wissenschaftliche Bewertungskriterien und Berufungsverfahren einfließt. Veröffentlichungen können in den Ingenieurwissenschaften nicht das zentrale Kriterium sein.

Darüber hinaus sollten wir ergänzende digitale Angebote im Studium ausbauen und in den Hochschulen Experimentierräume einrichten, in denen partizipatives Lernen und kreatives Arbeiten für die Studierenden möglich ist. Auch auf Ingenieure zugeschnittene Weiterbildungsmöglichkeiten sollten von Hochschulen stärker angeboten werden.

Wichtig ist – gerade vor dem Hintergrund des beschriebenen Wandels des Berufsbildes: Am Ende ihrer Ausbildung müssen Ingenieure in der Lage sein, komplexe, vernetzte Systeme zu planen und zu gestalten. Bei acatech sprechen wir in diesem Zusammenhang von „Advanced Systems Engineering“. Dazu bedarf es fachübergreifender Kompetenzen – und die müssen in der Lehre vermittelt werden.

Bild: Kay Herschelmann/Stifterverband

VDI-Direktor Ralph Appel mit Sybille Benning, MdB CDU/CSU und Tankred Schipanski, MdB, Sprecher für die Digitale Agenda der CDU/CSU-Fraktion.

Welche Schwerpunkte muss die Lehre in Zukunft setzen? Sollte beispielsweise die Vertiefung in eine bestimmte Richtung im Ingenieurstudium früher einsetzen?

Appel: Eher das Gegenteil. Wir merken immer deutlicher, dass die Breite der Kompetenzen an Relevanz gewinnt. Zu diesen Kompetenzen zählen auch Business-Know-how, Kreativitäts- und Szenariotechniken, Innovationsmethodiken, Technologie- und Innovationsmanagement sowie die Expertise, Kundenbedürfnisse noch besser zu verstehen und sogar zu antizipieren. Diese Interdisziplinarität ist unser Schlüssel zum Erfolg. Deshalb fordert der VDI von den Hochschulen, derartige Methodenkenntnisse zum festen Bestandteil des Curriculums aller

Ingenieurstudenten zu machen. Nur so können unsere angehenden Ingenieure mit dem Wandel nicht nur Schritt halten, sondern ihn maßgeblich gestalten. Dafür muss sich auch unsere Ingenieurausbildung anpassen, wenn sie ihre weltweite Anerkennung sichern möchte. Wir sind der Ansicht, dass die Digitale Transformation im Studium Teil fast jeden Moduls sein muss. Das heißt, wir setzen uns für eine integrale Umsetzung ein, bei der die Digitalisierung zum Selbstverständnis und deren Verankerung in den Modulen zum Hochschulalltag wird.

Das VDI- Positionspapier „SMART GERMANY – Ingenieurausbildung für die Digitale Transformation“ gibt es hier zum Download.

Hanna_Büddicker_VDI1
Das Interview führte:
Hanna Büddicker
Position beim VDI: Pressereferentin
Aufgabe im VDI: PR und allgemeine Öffentlichkeitsarbeit

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