Interview mit Prof. Lutz Eckstein zum automatisierten Fahren

Welche Chancen bietet Automatisiertes Fahren?

Automatisiertes Fahren wird einer der Megatrends in Technik und Gesellschaft der nächsten Dekade und vermutlich weit darüber hinaus sein. Prof. Lutz Eckstein vom Institut für Kraftfahrzeuge (ika) der RWTH Aachen und Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik stellt in unserem heutigen Interview dar, wie automatisiertes Fahren helfen kann, die Mobilität der Menschen zu verbessern.

Bild: shutterstock_metamorworks

Herr Professor Eckstein, welche Chancen bietet das automatisierte Fahren für unsere Gesellschaft?

Die Potenziale sind gewaltig: Immer mehr Menschen werden auch im hohen Alter noch mobil sein können, sowohl durch Nutzung automatisierter Fahrzeuge als auch im eigenen Fahrzeug unterstützt durch Assistenzsysteme. So kann die Inklusion älterer und leistungseingeschränkter Menschen deutlich erhöht werden. Automatisiert fahrende Fahrzeuge sind mittelfristig auch kostengünstiger als ein Taxi und flexibler als der Bus, wodurch Wohnen auf dem Land (wieder) an Attraktivität gewinnt. In Zeiten fortschreitender Urbanisierung mit all ihren Begleiterscheinungen wie steigenden Mieten ist das eine sicherlich nicht unwichtige Chance. Das Delegieren des Fahrens an einen virtuellen Chauffeur erhöht darüber hinaus den Komfort und schenkt dem Fahrer Flexibilität und Zeit, die er anders nutzen kann. Nicht zu vergessen ist auch, dass die Verteilung von Gütern mit automatisierten Systemen effizienter und schonender organisiert werden kann als heute.

Welche realistischen Szenarien zum automatisierten Fahren zeichnen sich aus Ihrer Sicht heute bereits ab?

Der ÖPNV, der heute noch durch große Fahrzeuge wie Busse und Bahnen geprägt ist, wird bereits in wenigen Jahren durch automatisierte, fahrerlose Shuttles ergänzt werden. Automatisierte fahrerlose Taxis, die jedes beliebige Ziel ansteuern können, sind noch flexibler, aber auch technisch anspruchsvoller. Ich rechne erst im Laufe des kommenden Jahrzehnts mit einer Serienreife. Die Delegation der Fahraufgabe an den digitalen Piloten eines Personenkraftwagens wird auf der Autobahn noch in diesem Jahrzehnt möglich werden, sofern die Zulassungsbestimmungen solcher Fahrzeuge geeignet geändert werden. Beim automatisierten Valet-Parken kann der Fahrer beispielsweise genau vor einem Geschäft oder Restaurant aussteigen und das Fahrzeug fährt automatisch auf den nächsten freien Parkplatz. Dieser Valet-Service wird frühestens ab dem Jahr 2025 möglich sein, abseits öffentlicher Straßen werden wir das aber schon sehr bald erleben.

Bild: Frankenhauser-Fotografie

Prof. Lutz Eckstein vom Institut für Kraftfahrzeuge (ika) der RWTH Aachen und Vorsitzender der VDI-FVT

Was müssen Ingenieurinnen und Ingenieure denn noch tun, damit die Potentiale des automatisierten Fahrens optimal genutzt werden können?

Auf der technischen Ebene sind noch einige Herausforderungen zu bewältigen, insbesondere bei den höheren Stufen der Automatisierung. So müssen die Forschung und Entwicklung von Technologien zur Umfelderfassung und –interpretation sowie zur Antizipation und taktischen Verhaltensplanung noch intensiviert werden. Von besonderer Bedeutung ist auch der Aspekt der Mensch-Maschine-Interaktion. Hierbei sind vor allem die Entwicklung von Gütemaßen und Gestaltungskriterien für die Übergabe der Fahraufgabe vom automatisierten System an den Fahrer sowie die Definition und internationale Abstimmung eines Verhaltenskodex zwischen automatisierten Fahrzeugen und anderen Verkehrsteilnehmern wichtig.

Und was muss sich aus Sicht des VDI auf gesellschaftlicher Ebene noch ändern?

Hier müssen wir die Akzeptanz für automatisierte Fahrzeuge verbessern und für die Technologie werben, so wie es der VDI mit seiner vor kurzem gestarteten Kampagne Automatisiertes Fahren vorgemacht hat. Wir müssen aber auch gemeinsam gesellschaftlich getragene Mindestanforderungen an die Sicherheit automatisierter Fahrzeuge definieren und bewusst machen, dass das automatisierte Fahren zwar die Verkehrssicherheit signifikant verbessern, aber nicht jeden Unfall wird vermeiden können. Auf der rechtlichen Ebene gilt es, die notwendigen Anpassungen des juristischen Rahmens umzusetzen. Ohne eine Änderung des Fahrverhaltensrecht, der Lenk- und Ruhezeiten hat das automatisierte Fahren für den Anwender keinen Mehrwert, ist damit auch nicht wirtschaftlich umsetzbar. Aktuell stellen die Typgenehmigungsvorschriften, insbesondere die für die Lenkung relevante ECE-Regelung Nr. 79, einen entscheidenden Hinderungsgrund für die Markteinführung dar.

Erfahren Sie in unserem exklusiven Webinar am 22.11.2018 mit Prof. Dr. Lutz Eckstein mehr zu diesem Thema.

Mit seinem aktuellen Fokusthema „Automatisiertes Fahren“ will der VDI die zukünftige Bedeutung des automatisierten Fahrens für die Gesellschaft, die Steigerung der Verkehrssicherheit sowie für den Wirtschaftsstandort Deutschland verdeutlichen.

Autor: Christian Krause
Position im VDI: Leiter Berliner Büro und Ansprechpartner für politikorientierte Themen im VDI.

Kommentare & Pingbacks

Ein Gedanke zu “Welche Chancen bietet Automatisiertes Fahren?

  1. Ich bezweifel, dass die Mobilität der Menschen durch automatisiertes Fahren verbessert wird! Wenn neue Nutzergruppen (ältere und leistungseingeschränkte Menschen) erschlossen werden, nimmt der Verkehr zu. Automatisierte fahrerlose Taxis ziehen Nutzer vom ÖPNV ab. Der umweltverträgliche ÖV wird geschwächt, der umweltbelastende MIV nimmt zu! Insgesamt keine Verbesserung der Mobilität!
    Auch die Attraktivierung des Wohnens auf dem Land ist aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten kein erstrebenswertes Ziel. Flächenverbrauch und Verkehr werden zunehmen.
    Sicher gibt es sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für automatisiertes Fahren, aber nicht um jeden Preis. Hier ist eine differenzierte, interdisziplinäre Betrachtung der Wirkungen erforderlich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*