Sinn und Unsinn von „Zertifikaten“ und „Konformitätserklärungen“

Scheinsicherheit

„Unsere Anlage ist zertifiziert nach VDI ABC Blatt X.“ Solche Versprechungen, meist untermauert mit einer schönen „Urkunde“, gibt es zuhauf in letzter Zeit. Dem potenziellen Käufer der Anlage wird vorgegaukelt, die Anlage zeichne sich durch besondere Merkmale aus, die sie besser machen als andere Anlagen.

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Wenn man sich dann mal VDI ABC Blatt X anschaut, um herauszufinden, was Grundlage der Zertifizierung ist oder womit die Anlage konform ist – kurz: was der Zettel eigentlich bedeutet – wird man oft nicht schlauer. Denn häufig wird von selbsternannten Sachverständigen Bezug auf Richtlinien genommen, die gar keine Zertifizierungsprogramme enthalten.

Vor einiger Zeit ist die VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, der Herausgeber einer betroffenen Richtlinie, bei einer Stelle angetreten, die solche Zertifikate ausstellte, und bat darum, Prüfprogramm und Prüfberichte einsehen zu dürfen. Das wurde uns verweigert: Die Prüfberichte seien Eigentum des Auftraggebers.

Google findet sehr schnell einen Haufen von solchen Schein-Zertifikaten und sogenannten Konformitätserklärungen, beispielsweise nach VDI 2047 Blatt 2 für Rückkühlwerke, bei denen vorgeblich geprüft wurde, dass sie die Merkmale nach der Richtlinie aufweisen. Damit, so wird dem potenziellen Kunden vorgespiegelt, brauche er sich keine oder zumindest weniger Sorgen um die Hygiene der Anlagen, beispielsweise um Legionellenkontaminationen zu machen.

Dabei ist das ein klarer Fall von „Thema verfehlt.“

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VDI 2047 Blatt 2 enthält kein irgendwie geartetes Prüfprogramm für Rückkühlwerke.
Soweit in der Richtlinie hygienerelevante Merkmale von Anlagen genannt werden, geschieht dies allein zur Erläuterung von hygienischen Zusammenhängen, und die entsprechenden „Merkmale“ wurden vom Ausschuss bewusst vage (und damit nicht nachvollziehbar abprüfbar) formuliert, gerade weil die Fachleute im Ausschuss nicht wollten, dass jemand behauptet, es gäbe eine Anlage mit „eingebauter Hygiene“.
Am 1. Januar 2019 ist ein neuer, überarbeiteter Weißdruck der Richtlinie erschienen. Schauen Sie hinein: Sie werden erkennen, dass, wie schon in der Vorgängerfassung, kein Zertifizierungsprogramm, keine Checkliste von hygienerelevanten Merkmalen o.ä. enthalten ist.

Aus rechtlicher Sicht ist dieser Missbrauch von VDI-Richtlinien ein wettbewerbsrechtliches Problem: Beim potenziellen Käufer wird eine Erwartung geweckt und der Eindruck vermittelt, die angebotene Anlage habe Vorzüge gegenüber einer Wettbewerbsanlage. Da der VDI nicht Wettbewerber der Anlagenhersteller ist, kann er nicht als Kläger gegen diesen Missbrauch seiner Richtlinien vorgehen.
Zertifizierungen mit Unterstützung des VDI gibt es tatsächlich, z. B. die Personenzertifizierungen der RLQ- und TWH-Fachleute, die nach einem öffentlich einsehbaren Zertifizierungsprogramm geschehen, das von einem Zertifizierungsausschuss erstellt wurde. Diese Zertifizierungen werden von VDI-PQZ (Prüfung Qualifizierung Zertifizierung) betreut und man kann in jedem Fall die Hintergründe beim VDI erfragen.

Genau das empfehlen wir jedem, der mit einem solchen „Zertifikat“ oder einer „Konformitätserklärung“ nach VDI-Richtlinien konfrontiert wird: Fragen Sie beim VDI nach, was es damit auf sich hat. Wenn es den Segen des VDI hat, sagen wir Ihnen das sofort. Wenn nicht, müssen Sie selbst bewerten, wie Sie mit dem Anbieter umgehen.

Apropos Richtlinien – am 26. und 27. Februar 2019 findet in Düsseldorf die
3. VDI-Fachkonferenz „Legionellen aus Rückkühlwerken“ statt.


Autor:
Thomas Wollstein
Position im VDI: Betreuer der Themen „Sanitärtechnik“ und „Trinkwasserhygiene“ im Bereich Technik und Wissenschaft

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