Schneelasten auf Dächern

Wenn die Pracht zum Risiko wird

Bauwerke altern und verwittern, denn verbaute Materialien können ermüden oder korrodieren. Hierfür verantwortlich sind beispielsweise aggressive Medien in der Luft, Feuchtigkeit und Frost sowie gestiegene oder geänderte Beanspruchungen, wie Umnutzungen, Umbauten, steigender Verkehr oder wetterbedingte Sonderbelastungen. Auch können extremer Schneefall oder Sturm negative Einwirkungen auf Gebäude haben. All dies kann jedes für sich unter Umständen zum Versagen der Tragkonstruktion und somit zum Einsturz des Gebäudes führen.

Bild: COLOMBO NIKOLA / Shutterstock.comRichtlinie-VDI-6200-Riskante-Winterpracht-T21_702x363

Verantwortlich für die Bauwerkssicherheit sind die Eigentümer, Bauherren und Betreiber. Sie sind gut beraten, dieser Verpflichtung auch gerecht zu werden und eine regelmäßige Überprüfung des Gebäudes durchführen zu lassen.

Anfang des Jahres 2006 häuften sich in Europa tragische Bauwerkseinstürze. Einer der bekanntesten Fälle davon ist wohl der Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall. Ihr Dach konnte der Schneelast nicht standhalten, wodurch am 02. Januar 15 Menschen ihr Leben verloren und 34 weitere verletzt wurden. Die Suche nach einem Schuldigen für das Unglück beschäftigte die Gerichte gleich in mehreren Prozessen. Angeklagt waren der damalige Bauleiter und Statiker für das Dachtragwerk, der damalige Projektleiter des Architekturbüros und der Ersteller eines Gutachtens aus dem Jahr 2003. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung. Der Konstrukteur des Dachs wurde zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, der Architekt und der Gutachter wurden freigesprochen. Im Januar 2010 hatte der Bundesgerichtshof den Freispruch des Gutachters, der drei Jahre vor dem Einsturz dem Gebäude einen guten Zustand bescheinigt hatte, aufgehoben und die Sache an eine andere Strafkammer des Landgerichts Traunstein zurückverwiesen. Mit der Begründung, er habe nur einen eng begrenzten Prüfauftrag gehabt und könne daher für das Unglück nicht zur Rechenschaft gezogen werden, wurde er auch in dem zweiten Prozess freigesprochen. Für die Angehörigen der Opfer nach wie vor unfassbar, denn laut Staatsanwaltschaft „hätte er auch bei einer Studie für lediglich 3.000 Euro erkennen müssen, dass Leimfugen in Dachbalken defekt waren“. Die Dachkonstruktion bestand aus Hohlkasten-Trägern als Hauptträgern, rechtwinklig zu ihnen war das Dach mit einer sehr steifen Ausfachung versehen. Dieses Konstruktionsprinzip ist inzwischen nicht mehr üblich. Unter anderem deshalb, weil es im Inneren des Hohlkastens zu von außen kaum erkennbaren Schäden kommen kann. Lag also die Schuld doch bei der Stadt, die laut Verteidiger „so lange nichts getan hat, bis es nichts mehr zu tun gab“? Hinweise auf Jahrzehnte zurückliegende Baumängel soll es ja gegeben haben. Hätte es damals schon eine kompetente, neutrale und von allen Fachkreisen getragene technische Regel zur Sicherstellung der Standsicherheit von Bauwerken gegeben, wäre es vermutlich gar nicht erst zu dem Einsturz gekommen.

Bauwerke regelmäßig überprüfen
Die Bauministerkonferenz – Konferenz der für Städtebau, Bau- und Wohnungswesen zuständigen Minister und Senatoren der Länder (ARGEBAU) – verabschiedete Ende September 2006 die „Hinweise für die Überprüfung der Standsicherheit von baulichen Anlagen durch den Eigentümer/Verfügungsberechtigten“. Diese sind nicht nur ein wertvoller Leitfaden für Immobilienbesitzer, sondern auch eine wesentliche Grundlage der Richtlinie VDI 6200. Darin sind sowohl die Vorgaben für die Bestandsdokumentation klar formuliert als auch die Anforderungen an die Überprüfenden definiert. Unter Berücksichtigung von wesentlichen, vor allem statisch-konstruktiven Merkmalen baulicher Anlagen, Baustoffeigenschaften und Einwirkungen zeigt die Richtlinie Überprüfungsmethoden und -verfahren auf und enthält Anhaltswerte zu Überprüfungsintervallen. Schuldzuweisungen wie „Das hätte man doch sehen müssen“ und Rechtfertigungen wie „Das stand nicht auf dem Prüfauftrag“ gehören damit der Vergangenheit an. Ebenso Ausreden wie „Das war nicht zu sehen“, denn die Richtlinie gibt auch Empfehlungen, was bei der Planung und Ausführung von baulichen Anlagen beachtet werden soll, um eine effiziente und wirtschaftliche regelmäßige Überprüfung der Standsicherheit überhaupt durchführen zu können.

Wie oft müssen also beispielsweise Eishallen überprüft werden? Sporthallen fallen laut Tabelle 1 der Richtlinie in die Schadensfolgeklasse CC 2 Kategorie 2. Entsprechend der Tabelle 3 sollte eine Begehung durch den Eigentümer/Verfügungsberechtigten alle 2 bis 3 Jahre, die Inspektion durch eine fachkundige Person alle 4 bis 5 Jahre und eine eingehende Überprüfung durch eine besonders fachkundige Person alle 12 bis 15 Jahre stattfinden. Die jeweiligen Überprüfungsverfahren beinhalten unter anderem das Erfassen von Veränderungen in den Baustoffeigenschaften. Auch hierfür hält die Richtlinie eine Tabelle bereit, aus der auch explizit hervorgeht, dass Klebstoff seine Festigkeit verliert, wenn er Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit ausgesetzt ist. Wie dieser genau geprüft werden muss, wird ebenfalls erklärt.

Bild: VDI 6200Schneelast_Umwelteinwrikungen_Bauwerke

Veränderungen von Baustoffeigenschaften durch Einwirkungen aus der Umwelt (Quelle: VDI 6200)

Für Schnee und Sturm gibt es keinen Zeitplan
Doch selbst die fachgerechteste Probenahme und das genaueste Prüfverfahren schützen nicht vor einem Einsturz, wenn außergewöhnliche Einwirkungen missachtet werden. Nach Erdbeben, Hochwasser, Brand, Bergsenkungen, extremen Sturmereignissen und eben auch ungewöhnlich hohem Schnee empfiehlt die Richtlinie deshalb außerplanmäßige Überprüfungen. Oftmals sind die tatsächlichen Einwirkungswerte nämlich größer als die zum Zeitpunkt der Errichtung des Bauwerks geltenden Festlegungen. Die Richtlinie weist deshalb darauf hin, dass nicht ständige Einwirkungen, falls erforderlich, durch Nutzungsbeschränkungen verringert werden können. Mit anderen Worten: Liegt bereits viel Schnee auf dem Dach und es schneit kräftig weiter, dann sollte zum Beispiel die Verkehrslast in einer Fabrik eingeschränkt werden, damit das Gebäude nicht noch zusätzlichen dynamischen Einwirkungen ausgesetzt ist. Zu dieser Maßnahme entschied sich damals auch die Stadt Bad Reichenhall. Weil nach tagelangem Schneefall und einer tonnenschweren Schneeschicht auf dem Dach eine Einsturzgefahr der Eissporthalle bestand, informierte sie den Vorstand des örtlichen Eishockey-Athletik-Clubs (EAC) darüber, dass das für den Abend geplante Training nicht stattfinden könne. Warum die Halle nicht gleich geschlossen wurde? Weil niemand die Gefahren für die Standsicherheit richtig bewertet und somit auch niemand damit gerechnet hatte, dass die Halle bereits eine halbe Stunde nach dem Anruf einstürzen würde.

Die inzwischen umfangreichen Erfahrungen beim Arbeiten mit der im Februar 2010 erschienenen Richtlinie zeigen, dass Immobilienbesitzer bzw. Verfügungsberechtigte auch weiterhin die regelmäßige Überprüfung der Standsicherheit auf Grundlage der Richtlinie VDI 6200 durchführen lassen sollten, um ihrer in den Bauordnungen hinterlegten Verpflichtungen zur Sicherstellung der Standsicherheit ihrer Gebäude nachzukommen.

Um auch den Funktionalitäten eines Bauwerks über die Standsicherheit hinaus gerecht zu werden, wird ab Anfang 2016 eine VDI-Richtlinie zu entsprechenden Bauwerksinspektionen erstellt.
Iris_LindnerAutorin: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs.

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