Mit dem VDI nach Indien

Automobil- und Verkehrstechnik mal anders…

Mit anderen Studenten und Jungingenieuren aus der ganzen Welt durfte ich mit einem Reisestipendium, finanziert durch den VDI, durch‘s ferne Indien reisen, um anschließend beim FISITA 2018 World Automotive Congress in Chennai mit dem Thema Disruptive Technologies for Affordable Sustainable Mobility teilzunehmen. Dieses Programm enthielt neben der Teilnahme an dem Kongress, technische Führungen zu verschiedene Automobil- und Kulturstätten in Chennai und der Region.

„Die Verkehrslinien sind vergeudet, Ampeln eher Empfehlungen“

Vom Übernachtflug total übermüdet, kam ich nachmittags in Chennai an. Als ich durch die Schiebetür der Ankunftshalle des Flughafens ging, fühlte es sich so an, als würde ich gegen eben diese laufen. Bei 33 Grad Celsius und Tropenklima fühlte ich mich mit meinen relativ warmen Klamotten doch reichlich deplatziert und die Fahrt zum Hotel verbrachte ich mit offenem Mund, während ich fasziniert das Treiben um mich herum beobachtete. Jedes Gerücht und jedes Klischee über den Verkehr in Indien stimmen! Die Verkehrslinien sind vergeudet und Ampeln eher Empfehlungen, als dass sich da wirklich jemand dran hält. Alles wuselt durcheinander und jeder hupt, aber wenn man das System dahinter versteht, wirkt es gar nicht mehr so chaotisch. Der Verkehr ist auch nicht aggressiv sondern mehr ein homogener Strom und es wird gehupt, damit der andere weiß, dass man da ist. Das erste Mal eine Straße überqueren – eine Herausforderung. Ich stand so lange am Straßenrand, bis eine Inderin Mitleid mit mir hatte und mir über die Straße half. Ihre Methode: Einfach nur geradeaus und mit gleichmäßigem Tempo rübergehen, die anderen Verkehrsteilnehmer fahren um einen herum. Das hat funktioniert, aber besonders sicher fühlt man sich nicht.Bild: Jan Niklas Nowack

Durch die Rushhour zu einem Testzentrum für Brems- und Fahrsicherheitssysteme

Am nächsten Tag wurde ich bereits um sieben Uhr morgens abgeholt. Bei einer Zeitverschiebung von +3,5 Stunden war es halb drei morgens in Deutschland – überhaupt nicht meine Zeit, zumindest nicht zum Aufstehen. Wir waren eine echt bunte Truppe, was sich später als richtig spaßig rausstellen sollte. In einem Bus ging es dann durch die Rushhour zu einem Testzentrum für Brems- und Fahrsicherheitssysteme.
Mittagessen gab es in der Kantine. Übrigens: Es ist in Indien die Regel, dass der Arbeitgeber den Angestellten das Mittagessen annähernd kostenlos anbietet. So hat das Mittagsbuffet umgerechnet nur 5 Cent gekostet. Das ist auch für indische Verhältnisse sehr günstig. Zum Vergleich: In einem Restaurant bezahlt man ungefähr 1,50€. Gegessen wurde traditionell ohne Besteck. Das Essen war super lecker, wenn auch sehr scharf! Die anfängliche Euphorie über das leckere indische Essen legte sich bald wieder. Obwohl überall frisch und mit viel Gemüse gekocht wurde, schmeckte alles nach dem Masala-Gewürz und gefühlt gab es morgens, mittags und abends das gleiche – selbst der Nachtisch hat nach Curry geschmeckt.

Bild: Jan Niklas Nowack

„Ständig wackelt man mit dem Kopf“

Die Kommunikation mit Indern ist oft begleitet durch Kopfbewegungen. Ständig wackelt man mit dem Kopf. Ich lernte: Inder zeigen so, dass sie einem zuhören und verstehen. Es ist also gar nicht wertend zu verstehen. Außer wenn man stark mit dem Kopf schüttelt, dann ist es definitiv ein „Nein“. Sie erklärten es mir damit, dass sie ständig viele Dinge gleichzeitig machen und somit zeigen, dass man dem Gespräch trotzdem folgt. Und das ist richtig ansteckend. Irgendwann fingen wir Touristen auch damit an, ohne es zu merken.
Bemerkenswert ist im Übrigen auch, dass die Inder sehr stolz auf ihr Land sind. Positives wird in den Vordergrund gerückt und Negatives unter den Teppich gekehrt. Am liebsten plaudern sie über das indische Raumfahrtprogramm, da geraten Inder richtig ins Schwärmen.

Bild: Jan Niklas Nowack

Das Durchschnittseinkommen in Indien: 1600€

An Tag zwei zeigte man uns ein Werk eines Nutzfahrzeugherstellers. Ich habe mehrere Werke in Deutschland besichtigt und man kann schon sagen, dass es dort anders aussieht. Was auffiel war, dass es viel zu viel Personal gab. An einer Station gab es zwei oder drei Monteure, die sich mit der Arbeit abwechselten und von einem Vorarbeiter, der dahinter saß, beobachtet wurden. Dazu muss man aber auch sagen, dass das Durchschnittseinkommen in Indien bei 1600€ liegt. Im Jahr!
Abends gingen wir noch zusammen auf ein Bier in eine Bar. Das ist gar nicht mal so einfach, weil oftmals kein Alkohol ausgeschenkt wird. Besonders spannend waren die Gespräche in unserer Reisegruppe. Jeder der Reisenden kam woanders her und konnte viel Spannendes über sein Land erzählen.

Bild: Jan Niklas Nowack

Das Silicon Valley Indiens“

Am nächsten Tag ging es dann ins Mahindra Research Valley. Dem Silicon Valley Indiens. Und das kann man auch so sagen. Viele internationale Firmen haben dort ihren Sitz und der gleichnamige Fahrzeughersteller hat ein riesiges Testareal aufgebaut, welches wir auch sehen durften. Und ganz ehrlich – so weit weg sind die mit der Entwicklung von uns auch nicht mehr! Die Technik ist einfach, aber funktional und vor allem hält sie.

Bild: Jan Niklas Nowack
Beim Kultur-Sightseeing, als wir uns eigentlich einige indische Gedenkstätten ansehen wollten, stellte sich dann heraus, dass wir Europäer für Inder sehr spannend sind. Wir wurden Dutzende Male nach einem Selfie gefragt und es kam tatsächlich auch ein Vater zu mir und hat mir sein Kleinkind in den Arm gedrückt, um dann ein Foto von uns zu machen.
Die Müllsituation in Indien macht einem richtig Angst: Die öffentlichen Strände sahen furchtbar aus. Es gab dort keinen Quadratmeter ohne Plastikmüll und das Wasser roch sehr komisch.

Bild: Jan Niklas Nowack

Eine Reise mit unzähligen Eindrücken und Erfahrungen.

Insgesamt kann ich behaupten, dass dies kein Wellness-Erholungsurlaub war, aber eine Reise mit unzähligen Eindrücken und Erfahrungen, die ich mit einer Touristenreise niemals hätte erleben können. Ich konnte das Land und die Leute sehen wie sie wirklich sind. So verschieden unsere Kulturen auch sind, und so froh ich ehrlicherweise auch bin, wieder in Deutschland zu sein, so fasziniert bin ich von den Menschen vor Ort, die mich ohne große Scheu bei sich aufgenommen haben und mir begeistert alles gezeigt haben. Sie blicken optimistisch in die Zukunft und sind bereit für das Neue. Davon sollten wir uns eine Scheibe abschneiden.
Super, dass ich durch den VDI die Chance hatte, diese Erfahrungen und Eindrücke sammeln und Dinge lernen zu können, die man im Studium nicht lernt.

Bild: Jan Niklas Nowack

Tipps für eure Reise nach Indien:
1. Kümmert euch frühzeitig um das Visum und investiert das Geld in eine Agentur, denn Informationen die angefordert werden sind umfangreich und nicht immer eindeutig.
2. Bucht lieber ein internationales Hotel. Irgendwann weiß man das Frühstück sehr zu schätzen, denn ansonsten gibt es (wie die anderen Mahlzeiten am Tag auch) Reis mit Curry
3. Apropos Essen: Magentabletten sind obligatorisch!
4. Kauft euch vor Ort auf jeden Fall eine Sim Karte. 60 GB/Monate kosten 7 Euro. So viel habe ich für mein Roaming am Tag bezahlt.
5. Ladet euch vor Ort die App von Uber runter. Das Tuk Tuk auf der Straße kostet ein Vielfaches mehr (Ausländertarif) und es wird nach der Fahrt auch noch gerne nachverhandelt. Das könnt ihr mit Uber definitiv vermeiden.
6. Wenn ihr euch mit Indern unterhaltet, dann vermeidet Themen wie Politik und Gleichberechtigung. Hier sind die Denkweisen einfach zu unterschiedlich.
7. Trinkgeld ist dort eher unüblich, aber natürlich gerne gesehen und bei der Gastfreundschaft der Inder gibt man es auch gerne.
8. Plant bei eurem Rückflug viel Zeit ein, die Kontrollen sind zwar nicht sinnig, dauern dafür aber umso länger.

Bild: Jan Niklas Nowack

Über den Autor: Jan Niklas Nowack ist 27 Jahre alt, gelernter KFZ-Mechatroniker und studiert Wirtschaftsingenieurwesen. Außerdem ist er Werkstudent bei Toyota Europa in Brüssel im Bereich New Mobility.

 

 

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