Ingenieurin ohne Grenzen

Mission Trinkwasser in Tansania

Lisa Bethke ist Umweltingenieurin und hat mit ihrem Know-how einen Beitrag für menschenwürdigeres Leben in Tansania geleistet. Wie sie den Menschen im Nordwesten des Landes den sicheren Zugang zu Trinkwasser und eine Abwasserentsorgung ermöglicht hat, erzählt sie im Interview.

Frau Bethke, heute ist Weltfrauentag. Welche Frau hat Sie in Ihrer Jugend beeindruckt?

Es gab nicht die eine Person oder die eine Frau, die mich in meiner Jugend mehr inspiriert hat als andere Frauen und Männer. Neben Pippi Langstrumpf, die als Kraftpaket und mutiges Mädchen selbst die stärksten Männer in den Schatten gestellt hat, sind mir Frauen, wie zum Beispiel Marie Curie oder die Schriftstellerin Christa Wolf, in Erinnerung geblieben. Ihre persönlichen Werke und Leben beeindrucken mich bis heute.

Wie kam es zum Entschluss Ingenieurin zu werden? Gab es ein weibliches Vorbild, das Sie geprägt oder auf Ihrem bisherigen Werdegang begleitet hat?

Ingenieur*innen sind in erster Linie Fachfrau bzw. Fachmann auf dem Gebiet der Technik. Ich hatte das Glück, dass mein Vater und meine Mutter als Mathematik- und Physiklehrer arbeiteten. So hatte ich schon frühzeitig eine klare Vorstellung von Technik und den Gesetzen der Physik. Zusammen mit meiner Verbundenheit zur Ostsee und Natur habe ich mich für etwas Praxisnahes interessiert und mich nach dem Abitur für den Technischen Umweltschutz an der TU Berlin eingeschrieben. 2009 bin dann Ingenieure ohne Grenzen beigetreten.

Mit einem Frauenanteil von bis zu 30% ist mein Ingenieursstudium sowie unser Verein nicht repräsentativ für die gesamte Branche. Ich denke, dass Frauen wie unsere Physiker-Kanzlerin Angela Merkel oder die kanadische Nobelpreisträgerin Donna Strickland andere Zeiten erlebt haben. In meinem heutigen Beruf als Projektmanagerin und Inbetriebnehmerin im Anlagenbau sehe ich auch 2018 noch viel zu selten Frauen auf den Baustellen oder in entscheidenden Führungsrollen. Deshalb müssen wir heute noch für die Rolle der Frau, insbesondere in technischen Berufen, kämpfen.

Bild: Ingenieure ohne Grenzen

Planung der nächsten Schritten des Zisternenbaus an der Schule in Tansansia.

Sie engagieren sich als Ingenieurin für Umweltschutz. Wie sind Sie zu dem Projekt in Tansania gekommen?

Technischer Umweltschutz befasst sich mit Verfahren und Methoden, um Umweltschäden, Umweltrisiken und Umweltbelastungen zu vermeiden bzw. zu verringern und diese dann technisch umzusetzen. Dazu gehört auch die Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung.

Während in Deutschland eine sehr gute Anbindung der Haushalte an die öffentliche Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung selbstverständlich ist, sieht das in vielen Teilen der Welt anders aus. Dort setzt die Arbeit von Ingenieure ohne Grenzen an und leistet mit Grundinfrastruktur einen Beitrag für menschenwürdiges Leben. Zum Beispiel in Tansania. Wenn Sie sehen, wie verblüffend ähnlich die Implementation eines Hauswasseranschlusses oder einer Toilette in Deutschland und in Tansania ist, verstehen Sie, warum junge Ingenieure wie ich daran glauben, dass mit Hilfe einfachster, technischer Konzepte Menschen ihre Familien und Gemeinden sicher mit Wasser versorgen können, wie in Ngara, Tansania.

Wenn wir eine tansanische Wasserversorgung aus einer Regenwasserzisterne mit integrierter, mechanischer Vorreinigung mit einem kontinuierlich kontrollierten Trinkwassernetz vergleichen, womit 80 Millionen Menschen mit einwandfreiem Trinkwasser versorgt werden, gibt es natürlich Abweichungen im Niveau der angewandten Technik, der Qualität des Wassers sowie dem Wasserdargebot. Als Umweltingenieurin weiß ich, dass die technische Installation, ob nun als Low-Tech oder High-Tech-Version, ein Erfolg und erstrebenswert ist.

Mein Wissen zu teilen und motivierte Menschen dabei zu unterstützen, ihr Leben dank einer verbesserten Grundinfrastruktur selbst zu verbessern, ist mir wichtig. Mit einem Projekt wie in Tansania hoffe ich, langfristig das Ziel 6 „Verfügbarkeit von Wasser und Sanitärversorgung für Alle“ der Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN zu unterstützten. Ingenieure müssen weitermachen, egal, ob Frau oder Mann. Sie und Ihre Leser unterstützen uns bereits heute dabei, in dem Sie uns im Ehrenamt Zeit oder als Mitglied und Spender*in Geld spenden und uns so die Möglichkeit geben, die Lebensbedingungen vieler Menschen langfristig zu verbessern. Vielen Dank.

Wie war die Situation vor Ort?

Eine Reise in den Nordwesten Tansanias ist eine Reise in ein Land mit anderem Klima, Geologie und Kulturen, geprägt von landwirtschaftlichem Leben, einfacher Infrastruktur und klassischem Familienmodell. Im Nordwesten Tansanias, wo ich 2010 und 2012 unsere Projekte begleitet habe, leben viele Familien von Subsistenzwirtschaft. Eine sichere Versorgung mit Trinkwasser ist nicht gegeben, noch seltener eine kontrollierte Abwasserentsorgung. Wassergebürtige Krankheiten wie Durchfall und parasitäre Erkrankungen treten häufig auf und auch Malaria prägt die Region. Trotzdem ist die Situation vor Ort gar nicht so anders wie vermutet. Viele Familien leben in guter Nachbarschaft zusammen und sind bemüht, ihre Kinder groß zu ziehen, zur Arbeit zu gehen und das Geld für die Versorgung der Familie zu erwirtschaften. Frauen sind häufig dem Mann in Familie und Beruf untergeordnet.

Bild: Ingenieure ohne Grenzen

Begehung mit dem Schulpersonal

Viele Menschen, mit denen ich sprechen konnte, wünschen sich eine gute Schulbildung für ihre Kinder. Sie wollen eine gute und stabile Infrastruktur, gute Strassen, eine stabile Wasser- und Stromversorgung in ihren Dörfern und einen sicheren Arbeitsplatz als Bauern, Bauarbeiter, Einzelhandelsverkäufer uvm. Eine stabile Grundinfrastruktur ist eine Voraussetzung dafür, dass die Eltern zur Arbeit gehen und die Kinder die Schule besuchen können. Häufig sind es die Aufgabe der Kinder in ihren Familien, den Müll zu entsorgen und Wasser zu holen.

Was haben Sie dort konkret gemacht?

Bild: Ingenieure ohne Grenzen

Testen des Zisternenwassers

Nachdem wir über mehrere Monate die Projektimplementierung in Deutschland vorbereitet hatten, in enger Zusammenarbeit mit der tansanischen Partnerorganisation, reiste ich im Sommer 2010 für 3 Monate nach Tansania in die Regionen Ngara und Kayanga im Nordwesten. Da die Finanzierung der Projekte von Ingenieure ohne Grenzen spendenbasiert ist, war die Akquirierung der Spendengelder in Deutschland vor der Ausreise notwendig. Unsere zahlreichen Spender*innen ermöglichten in dem konkreten Fall die Implementierung von 5 Regenwassertanks mit einem Gesamtwasservolumen von 270m3 an der Baramba Girls School für rund 200 Schüler*innen.

Neben der örtlichen Bauüberwachung ging es darum, das gesamte System zu installieren und in Betrieb zu nehmen – vom Wasserauffangen über die Dächer und Regenwasserleitungen bis hin zum Speichern und Entnehmen des Wassers über Pumpen. In all unseren Projekten geben wir Wissen weiter. Die Sensibilisierung der Schüler*innen und Lehrer*innen im Rahmen von Schulungsprojekten, Tanz und Comics auf Swahili war ein wichtiger und freudiger Teil des Projektes.

Bild: Ingenieure ohne GrenzenDa wir parallel in der Region Kayanga bereits ein Projekt mit einer anderen lokalen NGO durchführten, haben wir auch das Projekt besucht. 2012 kehrte ich für eine Evaluation zurück und besuchte 15 von unseren bis dato 100 gebauten Regenwassertanks in der Region, um deren Zustand zu bewerten und die Qualität des Tankwassers chemisch und mikrobiologisch zu untersuchen. Ziel war es, die Tanks, die seit 2009 in der Region gebaut wurden, nach mehreren Jahren der Nutzung zu bewerten und herauszufinden, ob wir langfristig eine sichere und gesunde Wasserversorgung etablieren konnten.

Die großartige Gastfreundschaft der alten Bekannten und Familien, die ich bereits 2010 traf, und die wirklich positiven Ergebnisse dieser Evaluationsreise haben mich erfreut und mir gezeigt, dass mein Engagement wirkt. Anhand der Untersuchungen des Bauzustandes und dem Durchführen von Wasseranalysen konnte nachgewiesen werden, dass die Qualität des gespeicherten Regenwassers auch nach vielen Jahren und bei korrekter Pflege und Nutzung der Armaturen, erhalten werden kann – ganz ohne elektrische Aufbereitung oder chemische Produkte.

Bild: Ingenieure ohne Grenzen

Besprechung mit dem Schulleiter

Was haben Sie mit Ihrem Projekt erreicht?

An der Baramba Girls School konnten wir eine Wasserver- und Abwasserentsorgung etablieren und in einem mittlerweile abgeschlossenen Folgeprojekt die Elektrifizierung für Licht und Computer umsetzen. Lehrkräfte und Schüler*innen können gut versorgt werden. Eine sichere Ausbildung bis zur Oberschule ist nun in der Region möglich.

In Kayanga konnten wir mittlerweile gemeinsam mit der lokalen Partnerorganisation über 3.000 Menschen mit Wasser versorgen. Durch das Nutzen einer alten, bekannten Technik – dem Regenwassertank – und der Optimierung der Bautechnik in mehreren Bauphasen und Bauprojekten durch Ingenieure ohne Grenzen, konnten wir zeigen, dass einfachste Lösungen und die gute Zusammenarbeit mit den Begünstigten und der Partnerorganisation ausreichen, um die Grundinfrastruktur in der Region zu verbessern.

Im Rahmen welcher Projekte sind Sie aktuell aktiv?

Beruflich bin ich aktuell als Projektmanagerin und Inbetriebnehmerin in zahlreichen Projekten des Anlagenbaus für die Abwasserentsorgung tätig. Bei Ingenieure ohne Grenzen beschäftige ich mich heutzutage mit der übergeordneten Qualitätssicherung von Projekten in unserer Kompetenzgruppe WASH (water, sanitation and hygiene). Seit meiner Wahl in den Vorstand als Finanzvorstand beschäftige ich mich mit führungspolitischen und strategischen Themen zur Sicherstellung der Vereinsarbeit. Erst die sichere Finanzierung unserer Arbeit ermöglicht es uns, unsere nachhaltige, partnerschaftliche Arbeit der grundbedürfnisorientierten Entwicklungszusammenarbeit weiterzuführen.

Was möchten Sie anderen jungen Frauen, die ebenfalls Ingenieurinnen werden möchten, mit auf den Weg geben?

Machen Sie weiter, auch wenn es manchmal schwierig ist. Ich glaube fest daran, dass Frauen genau so gut wie Männer im Ingenieurberuf agieren können. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass nur diverse Teams gemeinsam gute Lösungen erarbeiten können!

Wir sind übrigens nicht die Einzigen, die häufig diskriminiert und unterschätzt werden! Gleiches gilt für Menschen mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung oder Menschen mit anderer sexueller Orientierung oder mit ausländischen Wurzeln.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte: Hanna Büddicker
Position beim VDI: Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

 

 

Kommentare & Pingbacks

2 Gedanken zu “Mission Trinkwasser in Tansania

  1. Danke erst einmal für den tollen Beitrag! Außerdem auch ein ganz großes Lob an alle, welche in diesem Projekt involviert waren und so für mehr Menschen in Tansania sauberes Wasser ermöglichen. Es müsste mehr solcher Aktionen geben, denn diese bewirken wirklich etwas. Ich bin eigentlich durch Zufall auf diesen Artikel gestoßen, weil wir bei uns in der Firma eine Wasseraufbereitungsanlage von Envirofalk installiert wurde. So wurde ich auch auf das Thema Wasser aufmerksam und wie wichtig es ist, sauberes Wasser zur Verfügung zu haben. Ich schätze Wasser mittlerweile auch mehr, weil ich weiß, wie wichtig dieses für das Leben auf dieser Erde ist und dass es eigentlich keine Selbstverständlichkeit ist. Selbst bei uns im Lande geht viel Arbeit in die Aufbereitung und Zurverfügungstellung von sauberem und trinkbarem Wasser.

  2. Danke erst einmal für den tollen Beitrag! Außerdem auch ein ganz großes Lob an alle, welche in diesem Projekt involviert waren und so für mehr Menschen in Tansania sauberes Wasser ermöglichen. Es müsste mehr solcher Aktionen geben, denn diese bewirken wirklich etwas. Ich bin eigentlich durch Zufall auf diesen Artikel gestoßen, weil wir bei uns in der Firma eine Wasseraufbereitungsanlage von Envirofalk installiert wurde. So wurde ich auch auf das Thema Wasser aufmerksam und wie wichtig es ist, sauberes Wasser zur Verfügung zu haben. Ich schätze Wasser mittlerweile auch mehr, weil ich weiß, wie wichtig dieses für das Leben auf dieser Erde ist und dass es eigentlich keine Selbstverständlichkeit ist. Selbst bei uns im Lande geht viel Arbeit in die Aufbereitung und Zurverfügungstellung von sauberem und trinkbarem Wasser.

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