Genderneutralität bei Toilettenanlagen

m/w/d – Alles OK?

Menschen sind einzigartig. Und jeder einzelne Mensch ist, so wie er eben ist, richtig und perfekt. Weil er ein Mensch ist. 

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Tatsächlich scheint diese „Wahrheit“, der niemand offen widersprechen würde, aber nicht gelebt zu werden. Wie sonst kommt es, dass sich Menschen, deren sexuelle Identität sich nicht durch die bis vor Kurzem aktuelle Schrägstrich-Abkürzung „m/w“ abbilden lässt, genötigt fühlen, sich verschämt umzuschauen, bevor sie auf eine Toilette gehen? Und das nur, weil sie befürchten (müssen?), deswegen von anderen diskriminiert zu werden. Auch bei drei Toilettenanlagen, je einer für m, w und d, könnten sich diejenigen, die durch die „d“-Tür gehen, beobachtet und stigmatisiert fühlen.

Nun ließe sich dem leicht abhelfen: Alle öffentlichen Toiletten könnten ja „unisex“ oder eben „genderneutral“ sein. Dann kann niemand aus dem Schild an der Tür, durch die man geht, etwas schlussfolgern. Die normalerweise als prüde geltenden Amerikaner zeigen uns, dass das funktioniert.

Aber halt! Da gibt es noch Rechtsdokumente, z. B. die ArbStättV, die im Abschnitt 4.1 „Sanitärräume“ festlegt „Der Arbeitgeber hat Toilettenräume zur Verfügung zu stellen. Toilettenräume sind für Männer und Frauen getrennt einzurichten oder es ist eine getrennte Nutzung zu ermöglichen.“

Und die „anderen“, die unter den Oberbegriff „divers“ fallen? Für die muss man nichts tun?

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Das Landesarbeitsgericht Berlin hat offenbar in einer gut gemeinten Aktion versucht, für seine Besuchertoiletten eine Lösung zu finden. (Bei den Toiletten für die Beschäftigten darf es das ja nach der ArbStättV nicht.) Und was passiert? Genau die Zielgruppe ist unzufrieden damit: Die Darstellung mit dem halben Rock (Ich sehe da aber immer noch einen GANZEN Menschen.) sei diskriminierend.

Menschen sollten ohne verstohlenen Schulterblick auf die Toilette gehen können.

Der VDI ist Herausgeber der Richtlinie VDI 6000, die derzeit – nicht wegen der Genderfrage, sondern um einer allgemeinen Aktualisierung willen – überarbeitet wird. Im Richtlinienausschuss fragen wir uns natürlich auch, wie wir damit umgehen können. Wir möchten, dass Menschen ohne verstohlenen Schulterblick auf die Toilette gehen können. Die schnellste Lösung bestünde darin, dass sich in den Köpfen der Menschen die ersten drei Sätze dieses Beitrags festsetzen würden. Denn schlussendlich gibt es, rein körperlich betrachtet, nur zwei unterschiedliche Ausstattungen, wie ein Ausschussmitglied unlängst anmerkte. Damit kommt man vermutlich mit WCs und Urinalen oder auch nur WCs aus. Das WC allein ist schließlich die Standardausstattung eines jeden Menschen. Man müsste nur die jeweiligen Sanitärobjekte in Kabinen verpacken. Was spricht dagegen? Zwei Dinge. Das erste sind die Kosten: Kabinen sind aufwändiger und brauchen mehr Platz. Das zweite ist die Bequemlichkeit der Urinalbenutzer: Du kannst an ein Urinal gehen und „mal eben“ Pipi machen, ohne großartig Kleidung aus dem Weg räumen zu müssen. Das, nicht etwa die Anzahl der jeweiligen Sanitärobjekte, ist übrigens der Grund, warum bei Veranstaltungen immer eine Schlange vor den w-Toilettenanlagen steht, während es bei m deutlich entspannter zugeht: Es dauert einfach etwas länger, sich für die WC-Nutzung teilweise auszuziehen.

Mögliche Kostensenkung durch Synergie.

Unsere überkommene Auslegung und Kennzeichnung von Sanitärräumen geht davon aus, dass ich nach den Geschlechtern m/w unterscheide. Aber was spräche dagegen, Toilettenanlagen anders auszulegen? Die Mindestanlage könnte aus einer genderneutralen Toilettenanlage mit WCs bestehen. Ich bin relativ sicher, dass sich das Mehr an Flächenbedarf im Rahmen halten würde, denn durch die genderneutrale Nutzung braucht man nur einen Vorraum. Und auch die sonstigen Kosten würden möglicherweise durch die Synergie geringer: weniger Türen und Wände, weniger Leitungsstränge, weniger Dopplungen in der ohnedies genderneutralen Ausstattung, wie Handwaschbecken, Wassererwärmer, Seifen-, Desinfektionsmittel- und Handtuchspender, Abfallbehälter, Spiegel usw., reduzierter Aufwand im Betrieb, weil weniger Objekte zu reinigen sind, weniger Spender nachzufüllen sind und alles in einem Raum statt in zweien steht. Wenn man ganz findig ist, sieht man auch noch eine Synergie darin, dass beispielsweise in Gebäuden, wo je Etage nur eine Gender-Toilettenanlage Platz findet, nicht mehr jeweils eine Hälfte der Belegschaft vor dem Toilettengang die Etage wechseln muss: Arbeitszeit gespart!
Und wer möchte, kann zusätzlich noch einen Urinalraum, sozusagen als „Überholspur“ daneben bauen.

Eine entscheidende Frage… 

Jetzt kommt aber die entscheidende Frage: Da das Thema tabubehaftet ist, wissen beispielsweise wir im Ausschuss VDI 6000 nicht, ob das den Bedürfnissen der Zielgruppe „d“, die ja nicht so homogen ist, wie die Abkürzung einem vorspiegeln könnte, entspricht. Wenn wir denn wüssten, dass es im Sinne der Betroffenen ist, könnten wir ja mal einen Vorschlag machen, wie mit dem Thema umgegangen werden sollte. Schließlich ist der VDI ein anerkannter Regelsetzer, der nicht nur den Stand eines technischen Themas beschreiben, sondern auch Impulse zu seiner Weiterentwicklung geben kann. Also redet gerne mit uns. Wer das nicht öffentlich hier in diesem Blog tun möchte, darf sich gerne direkt an den Bearbeiter der Richtlinie VDI 6000 wenden.

Kommentar von: Thomas Wollstein
Position im VDI: Betreuer der Themen „Sanitärtechnik“ und „Trinkwasserhygiene“ im Bereich Technik und Wissenschaft und Ihr Ansprechpartner zur VDI 6000:
VDI-Fachbereich Architektur
E-Mail: tga@vdi.de

Kommentare & Pingbacks

Ein Gedanke zu “m/w/d – Alles OK?

  1. Wie steht es mit der Zielgruppe „B“, den Behinderten? Beim Umbau zu einer genderfreien Toilette, entsteht genug Platz für eine genderfreie, barrierearmen für alle zugänglichen Toilette.

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