Ein Plädoyer für eine europäischen KI-Strategie

Nationaler Fortschritt? KI muss europäisch gestaltet werden!

Bild: shutterstock_Zapp2Photo

Von Dr. Anna Christmann, MdB

Künstliche Intelligenz (KI), maschinelles Lernen und autonome Systeme werden unsere Welt in den nächsten Jahren grundlegend verändern. Jetzt gilt es, die Kraft dieser Veränderungen für die großen gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen zu nutzen und Risiken frühzeitig im Blick zu halten. Dafür müssen wir die nötigen Kräfte bündeln und KI auf der Grundlage europäischer Werte in Europa selbstbestimmt erforschen, entwickeln und einsetzen. Nur mit entschlossenen Investitionen in KI „Made in Europe“ können wir selbst die Standards und Anwendungsfelder von KI bestimmen und so auch unseren Wohlstand in Europa halten und neuen schaffen.

Die KI-Strategie der Bundesregierung denkt jedoch finanziell und geografisch viel zu klein. Sie verliert sich in Einzelmaßnahmen, anstatt glasklar auf Europa zu setzen. Mitte November hat die Große Koalition ihre KI-Strategie vorgestellt und darin 3 Milliarden Euro bis 2025 angekündigt. Derzeit ist jedoch bis 2023 nur eine Milliarde geplant. Es bleibt die Frage, woher die anderen zwei Milliarden kommen sollen? Die Bundesregierung erkennt die enorme Bedeutung von KI für Wirtschaft und Gesellschaft nach wie vor nicht. Für das Jahr 2019 wurden lediglich 50 Millionen Euro zusätzlich für den Bereich Künstliche Intelligenz beschlossen. Und selbst diese überschaubare Summe konnte die Bundesregierung bisher nicht sinnvoll ausgeben.

Bild: Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Stefan Kaminski

Anna Christmann spricht sich für eine europäische KI-Strategie aus

Das Ausgangsproblem liegt darin, dass die Nationale Strategie für Künstliche Intelligenz eben keine Prioritäten und wenig konkrete Handlungsempfehlungen umfasst. Dadurch verlieren wir uns in vielen kleinen Maßnahmen, anstatt grundsätzliche Weichenstellungen vorzunehmen. Dabei schlägt bei maschinellem Lernen wieder die Stunde der Grundlagenforschung und damit die Stunde Europas. Schon das Internet wurde am CERN aus der Wissenschaft heraus entwickelt. Und auch heute verschwimmen bei Anwendungen von maschinellem Lernen die Grenzen zwischen Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung.

Ganz entscheidend ist also, Ökosysteme zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu schaffen, die Talente anziehen, die nötige Infrastruktur bereitstellen und auch den Zugang zu Daten organisieren. Genau diese Punkte (Expert*innen, Infrastruktur, Daten) hat im Gegensatz zur deutschen Strategie die französische Strategie sehr klar identifiziert. Ebenso wie die Notwendigkeit der europäischen Zusammenarbeit.

Während die Bundesregierung engstirnig die deutsche Wertschöpfung im Blick hat und „AI Made in Germany“ in Schwarz-Rot-Gold auf die Titelseite ihres Strategiepapiers druckt, zeigt Frankreich, wie es anders geht. Die dortige Strategie trägt den Zusatztitel „Towards a French and European Strategy“. Ihr Autor Cédric Villani tourt durch Europa, um für gemeinsame Anstrengungen zu werben. Die angekündigten gemeinsamen Projekte zwischen Deutschland und Frankreich haken derweil. Bisher sind auf deutscher Seite nur 500.000 Euro für ein virtuelles Netzwerk eingestellt. Wann dieses seine Arbeit aufnehmen kann, ist offen.

Dabei ist offenkundig, dass es gemeinsame Anstrengungen in Europa braucht, um die großen Fragen zu beantworten: Wie können wir KI nutzen, um die Energiewende zu beschleunigen? Wie können wir Ressourcen einsparen? Wie können wir unser Gesundheitssystem verbessern und dafür die Daten zusammentragen, die wir benötigen? Und wie können wir intelligente Systeme dabei so transparent und nachvollziehbar wie möglich machen, um als Menschen die Entscheidungsgewalt zu behalten?

Andere Staaten stellen diese wertegebundenen und teilweise ethischen Fragen nicht unbedingt in den Mittelpunkt. Es ist an Europa, dies zu tun und global auf gemeinsame Grundregeln – zum Beispiel bei der Ächtung von autonomen Waffensystemen – hinzuwirken. Um KI wertegebunden gestalten zu können, müssen wir es aber überhaupt gestalten können. Und das schaffen wir in Europa nur gemeinsam.

Vorschläge dafür liegen aus Wissenschaft und Wirtschaft bereits auf dem Tisch. Die Initiativen ELLIS (European Laboratory for Learning and Intelligent Systems), CLAIRE (Confederation of Laboratories for Artificial Intelligence Research in Europe) und JEDI (Joint European Disruptive Initiative) werben für ein gemeinsames Vorgehen auf europäischer Ebene, um ausreichend Sichtbarkeit und Finanzmittel zu bekommen.

Es ist jetzt dringend an der Politik, diese Initiativen aufzugreifen und mit Mut, Zuversicht und wertegeleitet die Gestaltung der Künstlichen Intelligenz anzupacken.

Die Autorin Dr. Anna Christman, MdB für Bündnis 90/Die Grünen, ist Teilnehmerin der Podiumsdiskussion beim Deutschen Ingenieurtag am 16. Mai 2019 in Düsseldorf.

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