Wo Teenager ihre berufliche Zukunft sehen

Traumberuf Ingenieurin? „Ja – für Jungs!“

Wir sind darauf angewiesen, dass sich junge Menschen und insbesondere Mädchen auch in Zukunft für eine ingenieurtechnische Laufbahn entscheiden – vor allem, weil es gilt, die technischen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen.

Bild: Canva

Wenn Menschen während einer Unterhaltung erfahren, dass ich Chemie studiert habe, bekomme ich häufig zu hören, dass auch sie in der Schule Fächer wie Biologie, Chemie oder Naturwissenschaften beziehungsweise Technik gemocht haben. Wenn ich dann hinterfrage, warum sie sich trotzdem beruflich für etwas anderes entschieden haben, werden recht unterschiedliche Gründe genannt. Und doch höre ich immer eine gewisse Wehmut, der Freude an Wissenschaft und Technik nicht nachgegangen zu sein.

Dabei ist unsere Gesellschaft darauf angewiesen, dass sich junge Menschen und insbesondere Mädchen auch in Zukunft für eine ingenieurtechnische Laufbahn entscheiden, um die technischen Herausforderungen unserer Zeit lösen zu können. Die Entscheidungskriterien hierfür können vielfältig sein, damit die Wahl zugunsten eines ingenieurtechnischen Studiengangs fällt. Zu den wichtigsten Voraussetzungen gehören, neben den eigenen Vorlieben, sicherlich gute Verdienstmöglichkeiten und Karriereaussichten. Genauso sollte der eigene Job sinnstiftend sein.

Um in diesem Zusammenhang die Attraktivität des Ingenieurberufs bewerten zu können, ist es daher interessant zu wissen, welche Berufswünsche Jugendliche haben. Die im Jahr 2020 veröffentlichte OECD-Studie „Dream Jobs: Teenager’s career aspirations and the future of work“ gibt hierzu Einblick, wo Teenager ihre berufliche Zukunft sehen.

Die Studie bezieht sich auf die teilnehmenden Länder der PISA-Studien von 2000 und 2018, mit Ausnahme von Japan. Aufgeteilt nach Geschlecht zeigt sich in diesen 41 Ländern, dass rund 53 Prozent der Mädchen und 47 Prozent der Jungs im Alter von 30 Jahren in einem der aufgeführten zehn Jobs arbeiten sehen.

Im Vergleich zu 2000 hat sich diese Konzentration auf zehn Berufe leicht verschärft. Es ist also eine umso größere Herausforderung für Berufe, die nicht populär und bekannt sind, Nachwuchs zu bekommen, da schon die beliebten Berufe mit einem Mangel zu tun haben.

Die zweite Grafik zeigt die Vorlieben der Teenager*innen in Deutschland in Ihrer Berufswahl. Bei den Jungs sehen sich immerhin 2,2 Prozent der Befragten mit 30 Jahren in einem ingenieurtechnischen Beruf. Bei den Mädchen keines. Dieser Trend ist ebenfalls außerhalb Deutschlands zu verzeichnen. Bei den Jungs ist international gesehen der Ingenieurberuf mit 7,7 Prozent sogar auf Platz eins. Bei den Mädchen wiederum überhaupt nicht unter den Top Ten.

Demnach ist im internationalen Vergleich die Wahl des Berufs als Ingenieur für Jungs in Deutschland weniger attraktiv respektive die anderen Berufe üben eine höhere Anziehungskraft aus, sodass sich das Feld auseinanderzieht. Wie auch schon in der weltweiten Betrachtung ist für Mädchen in Deutschland die Aussicht, Ingenieurin zu werden, kein Thema. Zumindest nicht in den Top-Ten-Berufsfeldern und unter dem Namen „Ingenieurin“.

Dem VDI ist es bewusst, dass die Attraktivität der Ingenieurberufs insgesamt und speziell für Mädchen attraktiver gestaltet werden sollte. Daher hat das Thema Bildung und Vielfalt im VDI einen besonderen Stellenwert und wird gesondert begleitet. Zur Förderung von Frauen in Ingenieur- und MINT-Berufen engagiert sich der VDI beispielsweise im eigenen Netzwerk und als Partner anderer Initiativen.

Denn es gibt gute und einzigartige Gründe sich für einen Ingenieurtechnischen oder naturwissenschaftlichen Karriereweg zu entscheiden. Ingenieurberufe und MINT-Fächer im Allgemeinen bieten Mädchen und Jungen gleichermaßen eine Fülle von Möglichkeiten Karriere- bzw. gute bis sehr gute Verdienstziele zu erreichen oder den persönlichen Neigungen und Interessen beruflich Ausdruck zu verleihen. Technisch-wissenschaftliche Studiengänge haben den einzigartigen Vorteil, dass sowohl eine naturwissenschaftlich-technisch orientierte Laufbahn möglich ist, aber auch der Aufstieg in das Top-Management eine Option ist. Insbesondere in Tech-Unternehmen.

Zudem können auch noch Kreativität, Freude an Wissen und der Drang „die Welt zu retten“ ausgelebt werden. Und wer auf Jobsicherheit oder Flexibilität viel Wert legt, ist in MINT-Berufen durch den Fachkräftemangel sehr gut aufgestellt.

Es liegt im Interesse unserer Gesellschaft, dass mehr Mädchen in ingenieurtechnischen Berufen ihre Zukunft sehen. Daher liegt es auch an uns, geschlechterspezifische Klischees hinsichtlich der Berufswahl zu hinterfragen und offener bei der Berufswahl für Mädchen werden. Auch allgemein sollten Rahmenbedingungen aufgebaut werden, die es Frauen ermöglicht, einen technischen Beruf zu ergreifen. Das erleichtert Frauen und auch Männern sowie allen anderen Geschlechtsidentitäten gleichermaßen das Leben, da Stereotype und schlechte Rahmenbedingungen letztlich für alle einen Zwang und eingeschränkten Handlungsspielraum bedeuten.

Und persönlich fände ich es gut, wenn Mädchen und Jungs gleichermaßen sowie sehr gerne großartige Ingenieur*innen werden wollten. Denn Ihre Leistungen können aus gewonnen Erkenntnissen Produkte und Dienste kreieren, die unser Leben am Ende lebenswerter machen. Und obendrein sind sie oft einfach nette Leute, mit denen ich mich gerne unterhalte.

Autor: Saša Jacob, im VDI zuständig für den Bereich Ingenieurausbildung (Referent).

Redaktion: Frank Magdans; Grafiken: Sonja Bosso

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