VDI-Fachbereich Antrieb und Energiemanagement

„Das Thema Antriebe polarisiert“

Klassischer Verbrenner, Elektroantrieb oder Brennstoffzelle – welcher Antrieb ist für welches Transportmittel und welche Strecke die beste Wahl? Eine Grundsatzfrage, mit der sich Simon Jäckel vom Fachbereich „Antrieb und Energiemanagement“ der VDI-Gesellschaft „Fahrzeug und Verkehrstechnik“ permanent beschäftigt.

Bild: Sunny studio/Shutterstock.com

Simon, womit beschäftigt sich dein Fachbereich schwerpunktmäßig?

Dipl.-Ing. Simon Jäckel: Der thematische Schwerpunkt liegt auf der Debatte rund um die unterschiedlichen Antriebstechniken. Zusammen mit unseren Expert*innen beschäftigen wir uns mit der Versachlichung der Debatte um die jeweiligen Vor- und Nachteile. Der Fachbereich ist aus Vertreter*innen aller Antriebstechniken zusammengesetzt: von der klassischen Verbrennungstechnologie, über den batterieelektrischen Antrieb und der Brennstoffzelle bis zu alternativen, synthetischen Kraftstoffen. 2016, das Jahr der Abgasaffäre, brachte uns eine thematische und personelle Neuausrichtung der ehrenamtlichen Arbeit in der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik, kurz FVT. Die Gremien, die sich bis dahin mit dem Thema Antriebe auseinandergesetzt haben, wurden personell neu zusammengesetzt, und mit neuen Leuten kam frischer Wind in die Diskussion.

Unterschiedliche Anforderungen – unterschiedliche Antriebsarten

Wie beeinflusst das die Arbeit in Deinen anderen drei Fachbereichen „Bahntechnik“, „Luft und Raumfahrttechnik“ und „Schiffbau und Schiffstechnik“? Antrieb und Energiemanagement spielen ja bei allen Verkehrs- und Transportmitteln eine entscheidende Rolle …

Bild: VDIJäckel: Natürlich sind die alternativen Antriebe auch ein Thema in den „Branchenfachbereichen“, wie wir meine anderen drei Fachbereiche und den Fachbereich Kraftfahrzeugtechnik nennen. Jeder Verkehrsträger hat seine eigenen Herausforderungen zu bewältigen, die nicht immer mit denen des Autos vergleichbar sind. Wenn wir im Bereich der Schifffahrt an die Containerschiffe denken, die unglaublich lange Strecken mit großer Beladung hinter sich zu bringen haben, ist der batterie-elektrische Antrieb hier, zumindest mit der aktuellen Technik keine Alternative. Der Fokus liegt dort nach wie vor auf dem Verbrenner, allerdings mit alternativen Kraftstoffen. Und eben wegen der unterschiedlichen Anforderungen werden die in den Fachbereichen selbst bearbeitet. Der Fachbereich „Antrieb und Energiemanagement“ berät natürlich übergeordnet und steht mit Rat und Tat zur Seite.

Mit der Wahl des aktuellen Fokusthemas „1,5 Grad“ will der VDI aufzeigen, wie Ingenieur*innen dazu beitragen können, die Erderwärmung zu begrenzen. Wie bringt sich dein Fachbereich „Antrieb und Energiemanagement“ ganz konkret ein?

Jäckel: Beim aktuellen Fokusthema geht es insbesondere um die Vermeidung von CO2-Emissionen. Das ist auch genau das, womit sich mein Fachbereich beschäftigt: mit der Emissionsminderung und damit der Einsparung von CO2. Wir haben im Oktober eine Studie zur Ökobilanz von Pkw mit verschiedenen Antriebsarten veröffentlicht. Die Studie zeigt schwarz auf weiß, wie umweltfreundlich welche Antriebsart bei den aktuellen Rahmenbedingungen und im Vergleich zu 2030 sein wird. Das Jahr 2030 wurde deswegen gewählt, weil es hierfür bereits Prognosen zur Veränderung des Strommixes gibt. Der Kohlestrom hat bis dahin an Bedeutung verloren und die Batteriezellenfertigung wird sich verändert haben. In der Studie gehen wir auf verschiedene Anwendungsfälle ein: Kurzstrecke, Mittelstrecke, Langstrecke: Für den Kurzstreckenfahrer lohnen sich andere Antriebsarten, als für den Mittel- oder Langstreckenfahrer – aber ich will da nicht zu viel verraten (schmunzelt). Spannende Ergebnisse sind auf jeden Fall garantiert!

Lkw holen auf, wenn es um alternative Antriebe geht

Über den Beitrag zum Klimaschutz hinaus hält die Zukunft zahlreiche weitere Heraus­forderungen für Ingenieur*innen bereit. Wo siehst du deinen Fachbereich in den kommenden fünf bis zehn Jahren? Welchen Beitrag können die Expert*innen des Fachbereichs „Antrieb und Energiemanagement“ leisten, um die Zukunft für die Menschen lebenswerter zu gestalten und gleichzeitig die Umwelt zu schützen?

Jäckel: Ich bin davon überzeugt, dass uns das Thema „Antrieb und Energiemanagement“ mindestens noch die nächsten fünf bis zehn Jahren begleiten wird. Wir sind bei den Antriebstechnologien weiterhin auf einen Mix angewiesen. Das ist ein Ergebnis, zu dem auch die Studie kommt. Neben der batterieelektrischen Mobilität, der Brennstoffzelle und den hybriden Antrieben wird der Verbrenner in den kommenden Jahren seine Daseinsberechtigung behalten, wenn auch mit deutlich abnehmender Tendenz. Und genau deshalb ist die Versachlichung der Diskussion des Themas eine zentrale Aufgabe. Neue Herausforderungen werden dazukommen: Bisher hat man sich sehr auf Pkw fokussiert, spannend ist jetzt der Wandel bei den Nutzfahrzeugen, vor allem bei den schweren Lkw. Auf unseren Straßen bewegt sich eine gigantische Zahl von Lkw, die es auf alternative Antriebe umzurüsten gilt – entweder im laufenden Betrieb oder gleich werksseitig. Hier ist insbesondere die Brennstoffzelle gefragt, denn auf der langen Strecke hat sie Vorteile: Wasserstoff kann schnell nachgetankt und die Reichweite somit schnell wieder vergrößert werden. Der Lkw-Markt wird sich in den nächsten Jahren sehr verändern. Ganz aktuell hat ein großer Lkw-Hersteller seinen Brennstoffzellen-Lkw vorgestellt, der ab 2022 in Serie geht. In der Logistik sind Zeit und Kosten entscheidende Faktoren. Die Technik muss bezahlbar sein, damit sie eingesetzt wird. Schlussendlich werden wir alle den Preis zahlen, entweder durch eine Verteuerung der Güter oder als Steuerzahler, wenn der Staat entscheidet, die Speditionsunternehmen finanziell zu unterstützen.

Mit welchen anderen Fachbereichen beziehungsweise Gesellschaften im VDI arbeiten du und deine Kolleg*innen zusammen?

Jäckel: Weil es beim Antrieb und Energiemanagement immer auch um Luftschadstoffe geht, arbeitet mein Fachbereich mit der VDI/DIN-Kommission Reinhaltung der Luft (KRdL) zusammen. Ende 2018 haben wir beispielsweise den VDI-Statusreport „Luftqualität und Fahrzeugantriebe“ gemeinsam mit haupt- und ehrenamtlichen Kolleg*innen der KRdL erarbeitet. Im Fachbereich „Energietechnik“ der VDI-Gesellschaft Energie und Umwelt (GEU) sind die Themen „Wasserstoff und Brennstoffzelle“ und „Verbrennungskraftmaschinenanlagen“ angesiedelt. Überschneidungen zum „Antrieb und Energiemanagement“ liegen da auf der Hand.

Zeit des Wandels

Mal angenommen, du wärst kein VDI-Mitglied. Würde dich die Arbeit des Fachbereichs „Antrieb und Energiemanagement“ überzeugen, Mitglied zu werden? Wenn ja, was daran genau?

Jäckel: Gerade, weil wir uns gegenwärtig in einer Zeit des Wandels befinden, finde ich als Ingenieur alles, was mit Antrieben und Energiemanagement zu tun hat, sehr reizvoll. Und es ist richtig und wichtig, dass der VDI mit seinen Expert*innen diesen Wandel begleitet und mitgestaltet. Einen Königsweg gibt es aus meiner Sicht dabei nicht: Überzeugen wir mit der einen Aussage/dem einen Arbeitsergebnis eine Handvoll Menschen, Mitglied zu werden, dann verärgern wir damit mindestens die gleiche Menge Menschen. Ich merke das immer an meinem E-Mail-Postfach: Wenn wir etwas über moderne Antriebe publiziert haben, wie der batterieelektrischen Mobilität oder der Brennstoffzelle, dann bekomme ich überaus kritische E-Mails von Befürworter*innen des Verbrennungsmotors und umgekehrt natürlich ebenso. Das Thema „Antriebe“ polarisiert. Deshalb muss die Summe der Aktivitäten innerhalb des Fachbereichs, der Fachgesellschaft und des gesamten Vereins die Menschen überzeugen, sich für eine Mitgliedschaft zu entscheiden.

„Wir wollen die Menschen mit neutralen Fakten begeistern“

Du hast ja schon von Publikationen deines Fachbereichs gesprochen. Wie könnte sich denn die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit noch weiter verbessern lassen?

Jäckel: Aus Mitgliederumfragen sehen wir jedes Mal, wie weit oben die Themen Mobilität und Antriebe auf der Interessensskala stehen. Wir wollen deshalb die Kommunikations-Kanäle des VDI noch intensiver nutzen, um mit gebündeltem technischen Sachverstand über unsere spannenden und zukunftsweisenden Themen zu informieren. Rückblickend kann ich da ein Webinar zu alternativen Kraftstoffen nennen, das extrem gut bei den VDI-Mitgliedern ankam. Nach einem Podcast zum Thema Brennstoffzelle, planen wir hierzu und auch zu den Zukunftsaussichten des Verbrennungsmotors und der batterieelektrischen Mobilität in Kürze eine Webinarreihe. Die Menschen mit neutralen Fakten begeistern. Das ist unser Ziel!

Und dein ganz persönliches Highlight in der Arbeit im Fachbereich „Antrieb und Energiemanagement“? Also, was war oder ist besonders spannend? Wo hast du richtig was nach vorne gebracht?

Jäckel: Ich bin seit neun Jahren im VDI, arbeite mit Gremien, plane Veranstaltungen und erstelle Publikationen. Eine davon sticht für mich besonders hervor: der schon angesprochene VDI-Statusreport „Luftqualität und Fahrzeugantriebe“, erarbeitet von einer interdisziplinär zusammengesetzten Arbeitsgruppe mit Vertreter*innen aus dem Bereich Luftreinhaltung (lokale Messstellen), der Automobilindustrie und der Wissenschaft. Extrem konträre Sichtweisen und Interessen prallten da aufeinander. Für mich persönlich war das, als würde ich gleich mehrere Folgen Markus Lanz, Anne Will oder Maischberger hintereinander moderieren. Wie bei diesen Talkshows üblich, sind sich die Teilnehmer ohne Vorwarnung direkt an die Gurgel gegangen, und es war dann meine Aufgabe, die Streithennen und -hähne wieder auseinander zu bringen und die Interessen im Statusreport ausgewogen darzustellen. Nach Fertigstellung des Statusreports schrieb mir der Leiter des zuständigen Arbeitskreises, dass es „nur dank meiner meisterlichen Moderation“ zu einem Papier gekommen sei, mit dem schlussendlich alle Seiten leben könnten. Damals hat sich das für mich allerdings gar nicht so meisterlich angefühlt. Es war anstrengend, aber es hat sich in der Summe ja gelohnt. Seitdem schaue ich Talkshows zu brisanten Themen auf jeden Fall mit ganz anderen Augen an.

Interview: Alice Quack

Ingenieurkompetenz à la carte: die VDI-Fachbereiche

In aktuell 53 Fachbereichen von „A“ wie „Architektur“ über „S“ wie „Schwingungstechnik“ bis „Z“ wie „Zuverlässigkeit“ bündeln wir die gesamte Ingenieurkompetenz. Die Fachbereiche sind den Fachgesellschaften thematisch zugeordnet und gehören zum Bereich Technik und Gesellschaft.

In unserer neuen Interview-Reihe wollen wir in den kommenden Monaten die einzelnen Fachbereiche des VDI e.V. genauer vorstellen. Passend zum diesjährigen Fokusthema 1,5 Grad beginnen wir mit den Fachbereichen, die hier wegen ihrer fachlichen Expertise besonders gefragt sind, die Zukunft aktiv mitzugestalten.

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