Wie der SuJ Jungingenieur*innen auf ihrem Weg begleitet

„Über Empfehlungen Praktika und Werkstudentenjobs bekommen“

William Kessler war jahrelang Mitglied im VDI-Netzwerk für Studenten und Jungingenieure, SuJ. Seine Mitgliedschaft hat ihn an ganz verschiedene Orte dieser Welt geführt: Er erhielt Einblicke in namhafte Konzerne und fand im SuJ eine Heimat. Im Interview berichtet er von seiner Arbeit im Automotive-Bereich und warum der SuJ immer noch eine bedeutsame Institution ist.

Bild: baranq/Shutterstock.com

William, früher warst du Mitglied im SuJ, heute entwickelst du bei der Teamware Gruppe ERP-Systeme und Enterprise-Apps. Wie kam es dazu?

William Kessler: Während eines Auslandspraktikums in der Produktionsplanung bei der Audi AG in China habe ich dann festgestellt, wie klar und digital die Prozesse sein müssen, damit die vollständige Interaktion zwischen Maschinen, Menschen und Objekten richtig funktioniert. Im Zuge dessen ist mir aufgefallen, dass mir vor allem das Know-how bezüglich der Funktionsweise von MES- oder ERP-Systemen komplett fehlt. Nach dieser Erkenntnis habe ich mir nur noch Stellen im Bereich Softwareentwicklung gesucht, und so führte das eine zum anderen. Mittlerweile bilde ich mit meiner Arbeit eine Art Schnittstelle zwischen der physischen Welt, also der Prozesse, und der digitalen Welt, den ERP- und MES-Systemen.

Warum hast du dich als Student für eine Mitgliedschaft bei der SuJ in Erlangen entschieden?  

Bild: privatKessler: Als ich das Studium in Erlangen begonnen habe, habe ich mich zunächst total erschlagen von der Struktur und der Lernweise gefühlt: Alles komplett in Eigenverantwortung, wenige Ansprechpartner, zu viel Respekt vor den offiziellen Stellen der Universität. Und in der ersten oder zweiten Woche nach Semesterbeginn ist dann diese Organisation aufgetreten und hat ein sogenanntes „Ersticamp“ veranstaltet. Eine Fahrt mit vielen jungen Studenten für paar Tage, um sich besser kennenzulernen. Dort habe ich dann unheimlich viele Kommilitonen und ältere Studenten kennenlernen dürfen. Da fällt es einem dann natürlich auch leichter, einmal „dumme Fragen“ zu stellen. Ich habe mich sofort „angekommen“ gefühlt. Später bin ich dabeigeblieben, habe immer versucht mitzuarbeiten und mitzuhelfen, wenn es nur irgendwie ging – und man hat natürlich super viel zurückgeben können.

Inwieweit hat dir das SuJ-Netzwerk im weiteren Leben geholfen? 

Kessler: Wenn ich jetzt zurückblicke, dann hat mir das Netzwerk wahnsinnig viel gegeben, zum Beispiel den Austausch über den Unialltag, die Strukturen und die Prozesse an der Uni und auch die Möglichkeit, eine Stelle zu haben, um jegliche Art von Fragen stellen zu können. Wir haben Exkursionen zu Firmen wie Daimler, Audi, Diehl und Siemens unternommen, und ich habe über Empfehlungen verschiedene Praktika und Werkstudentenjobs bekommen. So war ich beim Fraunhofer Institut, bei Airbus in Bristol und bei der Audi AG in Changchun China. Beim Schreiben meiner Bachelor- und Masterarbeiten ehemalige SuJ-ler an den Lehrstühlen wiedergetroffen. Nicht zuletzt schätze ich die SuJ wegen ihrer starken Gemeinschaft: Es sind superoffene und nette Leute dabei, und man hilft sich immer gerne gegenseitig.

Warum würdest du jungen Ingenieuren einen Beitritt empfehlen? 

Kessler: Ich denke, gerade Studenten und junge Menschen versuchen ständig, ihre Arbeitsweise zu optimieren und besser in dem zu werden, was sie aktuell tun. Die SuJ und auch der VDI bieten eine super Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen und sich auszutauschen, um etwas disruptiver an neue Themen ranzugehen. Damit meine ich, Themen unter neuen Aspekten zu betrachten und Grundlegendes zu verändern. Was ich auch super finde, ist, dass man viel über die Herausforderungen anderer Jungingenieure und Ingenieure mitbekommt und vor allem, wie sie mit diesen Herausforderungen umgegangen sind – ganz unabhängig von den technischen Fragestellungen. So habe ich zum Beispiel richtig gute Tipps zu Fragen bekommen, wie: Wie verhält man sich korrekt in der Zusammenarbeit? Wie fordert man geschickt eine Gehaltserhöhung ein? Oder auch: An wen kann ich mich wenden, wenn ich ein Unternehmen gründen will? Das hat mir sehr geholfen.

Kommen wir auf deine aktuelle berufliche Situation zu sprechen. Was sind die Vorteile von Enterprise-Apps, die dein Unternehmen unter anderem entwickelt? 

Kessler: Ich denke, hier herrscht allgemein noch viel Unwissenheit in den Unternehmen. Grundsätzlich ist es ja meistens nicht so, dass ein Entscheider in einem Unternehmen sagt: Ich brauche ein neues IT-System oder eine App, sondern das Unternehmen verspürt einen konkreten Schmerz, also eine Schwachstelle in seinen Arbeitsabläufen oder Geschäftsprozessen: Sei es der Wunsch, die Prozesse effizienter zu gestalten, die Qualität der Prozesse zu erhöhen oder auch Fehlerpotential zu minimieren. Hier kommen unsere Geschäftsanwendungen ins Spiel: Sie unterstützen diese Prozesse und helfen bei ihrer Optimierung. Im Unterschied zu ganzen IT-Systemen sind Unternehmensanwendungen weniger schwerfällig und wesentlich günstiger.

Apps für Mitarbeiter werden ja bereits aktiv genutzt. Wo besteht hier noch Bedarf? 

Kessler: Grundsätzlich gibt es noch sehr viel Potential. Ich würde sogar sagen, dass wir aktuell – vor allem in großen Unternehmen und im B2B-Bereich noch verhältnismäßig wenige Apps im Einsatz haben. Wirklich interessant ist ja erst das Zusammenspiel verschiedener Apps untereinander oder die Anbindung von Anwendungen an ein bestehendes System. So möchte ich beispielsweise künftig Bauteil-Kennungen direkt beim Lieferanten überprüfen, defekte Bauteile dokumentieren, Bestände überprüfen, Lagerungen verwalten, Positionen von Fahrzeugen tracken oder Genehmigungen digital erteilen können – und das alles mit meinem Smartphone. Hier besteht aus meiner Sicht noch viel Bedarf bei größeren Unternehmen, Konzernen, Organisationen und vor allem im B2B-Bereich.

Warum gestaltet sich die Anbindung von Apps an Konzernsysteme oft so schwierig? 

Kessler: Wir haben gemerkt, dass hier das Thema Datensicherheit eine große Rolle spielt. Der Austausch von Daten zwischen internen Systemen und mobilen Geräten der Mitarbeiter, die im offenen Internet kommunizieren, bereitet vielen Unternehmen Sorgen. Hier muss die Expertise von Anwendungsanbietern dann im Endeffekt nicht in der App-Entwicklung an sich liegen, sondern an der Kompetenz, Schnittstellen anzubinden und Daten so sicher zu übertragen, sodass es in keinem Fall zu einem Verlust oder Missbrauch dieser Daten kommen kann. Unsere Anwendungen sind daher so aufgebaut, dass sie sich leicht und flexibel an vorhandene Schnittstellen anbinden lassen und zusätzlich ein sehr hohes Maß an Sicherheit bieten.

Glaubst du, Ingenieur*innen brauchen heute unbedingt IT-Skills? 

Kessler: Die Frage ist natürlich auch, was man unter einem IT-Skill versteht. Das Spektrum reicht ja hier vom Umgang mit einfachen Office-Anwendungen bis hin zu Kenntnissen in speziellen IT-Bereichen wie Data Analytics oder Cloud Computing. Wahrscheinlich muss sich ein klassischer Maschinenbauingenieur mit Letzterem nicht besonders gut auskennen. Anderseits muss er/sie natürlich über gewisse Kenntnisse in Programmen wie CATIA, Pro Engineer oder Matlab verfügen, um seine/ihre Arbeit ausüben zu können. Für manche Bereiche braucht ein Ingenieur natürlich auch Kenntnisse in ERP-, PLM- oder MES-Systemen. Außerdem sollte uns auch bewusst sein, dass automatisierbare Arbeitsabläufe künftig auch zunehmend automatisiert werden. Somit gehe ich persönlich davon aus, dass die Menge an Jobs, die IT-Skills erfordern, auch verhältnismäßig zunehmen wird, und wir als Ingenieur*in uns diesem Trend auch entsprechend anpassen sollten. Wahrscheinlich wird ein Ingenieur*in der Zukunft zum Beispiel 80 Prozent Maschinenbauingenieur sein und zu 20 Prozent IT-ler*in. Die Antwort auf die Frage lautet also: Ja, unbedingt!

Wie weit sind wir deiner Meinung nach in Deutschland mit der Digitalisierung? 

Kessler: Digitalisierung an sich ist ein sehr weites Feld das jeden persönlich und beruflich anders betrifft. Natürlich kann man sich beschweren, dass wir als führende Industrienation eigentlich zu langsam sind. Allerdings habe ich eine persönliche Meinung zu dem Thema. Ich glaube, dass wir in Deutschland bewusst einen restriktiven und sehr vorsichtigen Kurs fahren. Rein theoretisch wäre es möglich, alle Unternehmen uns sogar Start-ups sämtliche Daten sammeln und verarbeiten zu lassen. Jedoch – glaube ich – sind wir uns in Deutschland dem Zusammenhang der gesellschaftlichen Risiken und Folgen durchaus bewusst und versuchen, das proaktiv zu beurteilen und erst dann bestimmte Sachen umzusetzen.

Interview: Sarah Janczura

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