Klimawandel

Werden „Weiße Weihnachten“ durch den Klimawandel seltener?

„Der Spiegel“ hat im Dezember 2019 mit Bezug auf den Deutschen Wetterdienst (DWD) berichtet, dass es keine Anzeichen für die Annahme gibt, „Weiße Weihnachten“ würden infolge des Klimawandels seltener. Dazu muss man wissen: Meteorologen geben dann „Weiße Weihnachten“ an, wenn am Heiligen Abend und an den beiden Weihnachtsfeiertagen mindestens ein Zentimeter Schnee liegt.

Bild: Frank Magdans

Ein derartiges Ereignis ist in Deutschland relativ selten: „Weiße Weihnachten“ treten an der Nordseeküste in zwei Prozent aller Jahre, im Nordwesten Deutschlands und im Rheintal in zehn Prozent, im norddeutschen Flachland in 15 bis 20 Prozent, im Mittelgebirgsvorland in 30 Prozent und nur in Südbayern in 40 Prozent, und auf den größten Höhen der Mittelgebirge und der Alpen in bis zu 100 Prozent aller Jahre auf.

Bedenkt man, dass die stärkere Erwärmung durch den Klimawandel erst etwa 1980 einsetzte (damals waren die jährlichen CO2-Emissionen nur etwa die Hälfte der heutigen), so sind „Weiße Weihnachten“ ein zu seltenes Ereignis, um eine mögliche Abnahme unter statistisch gesicherten Gesichtspunkten dem Klimawandel zuzuschreiben.

Demgegenüber ist das „Weihnachtstauwetter“ in zwei von drei Jahren ein sehr sicherer Wetterregelfall. Nach einem Kaltluftvorstoß Mitte Dezember nach Mitteleuropa erreicht danach relative warme Luft gerade um Weihnachten unseren mitteleuropäischen Raum im Zusammenhang mit der sogenannten „Weihnachtszyklone“ (Zyklone = Gebiet tiefen Luftdrucks). Zu Silvester ist es dann oft wieder kälter.

Dennoch bleibt das Gefühl, das „Weiße Weihnachten“ seltener geworden sind. Dies liegt zum einen daran, dass man selbst nicht von einer derart exakten, wie oben beschriebenen, Definition ausgeht und die Zeitspanne der Weihnachtstage etwas größer wählt, zumeist zwischen Weihnachtsmarktbesuch und Silvester, wo eine Abnahme der Tage mit Schneedecke durch den Klimawandel begründet werden kann. Zudem gibt es auch einige wissenschaftliche Fakten, die eine Abnahme der „Weißen Weihnachten“ durchaus wahrscheinlich erscheinen lassen:

Die zusätzliche Energie durch den anthropogenen Treibhauseffekt erwärmt zu 93 Prozent die Ozeane und für die Atmosphäre bleiben gerade einmal ein Prozent, obwohl wir in der Atmosphäre die Erwärmung quantitativ am besten feststellen können. Der heute deutlich wärmere Nordatlantik und der Rückgang der arktischen Eisbedeckung führen dazu, dass im Dezember weite Teile des Ozeans zwischen Ostgrönland und Spitzbergen noch eisfrei sind. Die maritime Polarluft, die über den Nordatlantik und die Nordsee nach Deutschland strömt, ist heute deutlich wärmer als vor 30 bis 50 Jahren und in den Tiefdruckgebieten, die diese Luft nach Mitteleuropa führen, herrscht eher Regen als Schneefall vor.

Im Binnentiefland tritt Schneefall heute vorwiegend bei arktischer Polarluft auf, die den direkten Weg östlich der skandinavischen Gebirge nimmt. Sie ist zwar relativ trocken, doch wenn sie sich über Mitteleuropa mit feucht-warmer Mittelmeerluft mischt, kommt es zu ergiebigen Schneefällen und sogar zu katastrophalen Nassschneefällen. Somit bringen uns jedoch die für unsere Region typischen Tiefdruckgebiete aus westlichen Richtungen im Tiefland kaum noch Schneefälle.

Und es gibt noch einen zweiten Fakt, der für weniger Schnee bei uns spricht. In Deutschland ist die mittlere Lufttemperatur um 1,7 Kelvin durch den Klimawandel gestiegen, mancherorts sogar um zwei Kelvin oder etwas mehr. Die Temperatur nimmt bei uns um 0,6 Kelvin pro 100 Meter Höhe ab. Berücksichtigt man das, so ist die Null-Grad-Grenze bei gegebener Wetterlage etwa 300 Meter höher als vor 30 bis 50 Jahren. Dies bedeutet, dass die Häufigkeit von Schneefällen gerade im Binnentiefland abgenommen hat.

Aber auch die Mittelgebirge sind nicht mehr schneesicher. Ein Ort wird als schneesicher definiert, wenn der kälteste Monat (meist der Januar) im langjährigen Mittel kälter als minus drei Grad Celsius ist. Diese Grenze erklärt sich daraus, dass die Tauwetterperioden nicht lang oder warm genug sind, um allen Schnee zu schmelzen, sodass sich die Schneeauflage akkumuliert. Dies kann man bei einer Fahrt ins Mittelgebirge sehr gut erkennen, wenn sich relativ plötzlich eine geschlossene Schneedecke einstellt. Diese Höhenlage liegt in deutschen Mittelgebirgen mittlerweile bei etwa 900 bis 1000 Meter ü. NHN, vor etwa 60 Jahren war sie noch bei 500 bis 600 Meter ü. NHN, was teilweise dramatische Folgen für den Wintertourismus bedeutet.

Die drastische Abnahme der Tage mit Schneedecke wird durch die nachfolgenden Grafiken noch verdeutlichet. Im Fichtelgebirge auf einer Höhenlage von 650 m ü. NHN ist die Zahl der Tage mit einer Schneedecke von mindestens 15 Zentimeter von 80 auf 40 Tage in den letzten 60 Jahren zurückgegangen und die Anzahl der Tage mit 30 Zentimeter Schneedecke von 50 auf 15 Tage (siehe Abbildung).Bild: Foken; Datengrundlage DWD

Für das Gebirgsvorland ergibt sich, wie in Bamberg auf 240 m ü. NHN, ein Rückgang der Tage mit mindestens einem Zentimeter (!) Schneehöhe von 50 auf 15 in den letzten 60 Jahren. Tage mit Schneehöhen von 15 Zentimeter und höher sind in Bamberg eher ein singuläres Ereignis (siehe Abbildung). Schneehöhen von 30 Zentimeter und höher gab es in den letzten 60 Jahren nur im Winter 1981/82 an fünf Tagen.Bild: Foken; Datengrundlage: DWD

Wer also das Gefühl nicht los wird, dass „Weiße Weihnachten“ immer seltener vorkommen, kann sich durch obige, fachliche Aussagen bestärkt fühlen.

Autor: Prof. Dr. Thomas Foken, Vorsitzender des Richtlinienausschusses „Meteorologische Messungen“ des Fachbereichs II „Umweltmeteorologie“, VDI/DIN-Kommission Reinhaltung der Luft (KRdL) – Normenausschuss

 

 

Co-Autorin / Ansprechpartnerin im VDI: Dipl.-Geogr. Catharina Fröhling, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachbereichs II „Umweltmeteorologie“, VDI/DIN-Kommission Reinhaltung der Luft (KRdL) – Normenausschuss

 

 

Hinweise: 

Im Rahmen des Fokusthemas „1,5 Grad – INNOVATIONEN.ENERGIE.KLIMA – Gemeinsam für das Klimaziel“ präsentieren und diskutieren wir Lösungen für die Energiewende und den damit verbundenen Klimaschutz. Beiträge finden Interessierte auf der dazugehörigen Themenseite.

Da Ingenieurinnen und Ingenieure einen wichtigen Beitrag leisten, um die durchschnittliche, globale Temperaturerhöhung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, erfordert dies neuartige Ansätze im Bereich der Energietechnik und des Klimaschutzes.

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