VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen

„Den Betriebsingenieuren mehr Sichtbarkeit verschafft“

Ljuba Woppowa, Geschäftsführerin der VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen, hat es sich zum Ziel gesetzt, das facettenreiche und herausfordernde Berufsbild der Betriebsingenieure aus dem Schattendasein zu heben. Und sie ist dabei außerordentlich erfolgreich.

Bild: Oil and Gas Photographer/shutterstock.com

Ljuba, neben deiner Funktion als Geschäftsführerin der VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen (VDI-GVC) leitest du auch deren Fachbereich „Betrieb verfahrenstechnischer Anlagen“. Der Name klingt für mich spontan ein bisschen sperrig. Von daher bin ich gespannt auf deine Antwort, womit sich der Fachbereich im Detail beschäftigt.

Dr. rer. nat. Ljuba Woppowa: Mein Fachbereich „Betrieb verfahrenstechnischer Anlagen“ beschäftigt sich mit dem Wichtigsten, nämlich dem Menschen! Als ich 2012 die Geschäftsführung der GVC übernahm, habe ich die Aktivitäten in drei starke Fachbereiche zusammengeführt. Mein Ziel war es, jedem VDI-Mitglied die Möglichkeit zu geben, das GVC-Themenportfolio mit einem zusätzlichen Fachbereich aus einer anderen themenverwandten VDI-Gesellschaft zu ergänzen und aufzuwerten, zum Beispiel Biotechnologe, Energie- oder Umwelttechnik oder betriebliches Sicherheitsmanagement. Ich habe damals auch ein Logo für die neue GVC gestaltet, denn die Fachbereiche lassen sich am besten mit Symbolen darstellen: Der Fachbereich „Verfahrenstechnische Prozesse“, wird durch eine Destillationskolonne und der Fachbereich „Verfahrenstechnische Anlagen“, durch eine Fabrikanlage dargestellt. Der dritte Fachbereich „Betrieb verfahrenstechnischer Anlagen“ ist die fachlichen Heimat der Betriebsingenieure oder der Ingenieure in der Produktion – also der Menschen, die alles am Laufen halten. Deswegen werden sie auch durch ein Schwungrad symbolisiert.

Was machen denn Betriebsingenieure genau?

Bild: VDIWoppowa: Betriebsingenieure absolvieren täglich einen Triathlon aus Anlagenverfügbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Compliance. Das heißt konkret, sie tragen die Verantwortung für die Verfügbarkeit ihrer Anlagen sowie für die Prozess- und Anlagensicherheit. Als Garant für reibungslose Arbeitsabläufe in ihrem Betrieb sind sie damit für die chemische Industrie von großer Bedeutung. Je reibungsloser die Produktion läuft, desto besser, weil nur mit dem finalen Produkt Geld verdient wird. Optimalerweise heißt das nicht nur in der chemischen Industrie: Produktion an 24 Stunden am Tag, sieben Tagen die Woche, 365 Tage im Jahr – nonstop. In der Praxis funktioniert das natürlich nicht hundertprozentig, weil eine Anlage gewartet, gereinigt, repariert und im Zuge von größeren Umbauten von den Umweltämtern kontrolliert und abgenommen werden muss.

Großer Gesamtbeitrag durch viele kleine Einzelmaßnahmen

Du hast gerade die chemische Industrie und damit verbundene Umweltauflagen angesprochen. Wie bringt sich denn Dein Fachbereich „Betrieb verfahrenstechnischer Anlagen“ in das aktuelle Fokusthema des VDI „1,5 Grad – INNOVATIONEN.ENERGIE.KLIMA – Gemeinsam für das Klimaziel“ ein?

Woppowa: Mein Fachbereich bringt sich durch das Know-how unserer Betriebsingenieure ein. Betriebsingenieure stehen ungerechtfertigter Weise eher im Hintergrund, weil sie „nur“ für das alltägliche Produzieren und nicht für innovative Neuentwicklungen verantwortlich sind. Dass die Produktion aber ein entscheidendes Glied in der Wertschöpfungskette ist, wird dabei oft vergessen. So tragen Betriebsingenieure im Kleinen dazu bei, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen: Nur sie kennen jedes Detail ihrer Anlage und können beurteilen, wo wie viel Energie eingesetzt oder gegebenenfalls auch verschwendet wird. Sie wissen, wie Emissionen bereits am Entstehungsort zu vermindern sind und haben es im Blick, wie durch viele kleine Optimierungsmaßnahmen – beispielsweise durch den Austausch einer Pumpe hier, eines Filters dort – in Summe ein ganz großer Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung geleistet werden kann.

Über den Beitrag zum Klimaschutz hinaus hält die Zukunft zahlreiche weitere Heraus­forderungen für Ingenieur*innen und Naturwissenschaftler*innen bereit.
Welchen Beitrag können die Betriebsingenieure leisten, um die Zukunft für die Menschen lebenswerter zu gestalten und gleichzeitig die Umwelt zu schützen?

Woppowa: Betriebsingenieure sind für einen reibungslosen und sicheren Produktionsablauf verantwortlich, auch bezogen auf den Umweltschutz: Angefangen bei Gewässerschutz und Luftreinhaltung, über Explosionsschutz bis Lärmvermeidung. Auch deswegen ist das Berufsbild so spannend und herausfordernd: Betriebsingenieure müssen Generalisten sein – ich möchte fast sagen, Genies! Einerseits müssen sie hemdsärmelig um ein Uhr nachts eine kaputte Pumpe mit einer eingefetteten Socke abdichten können und anderseits die Anforderungen des Umweltrechts bis ins Detail kennen und in der Praxis umsetzen können. Betriebsingenieure sind gerade in Deutschland so wichtig, weil wir hier große und wichtige Chemiestandorte haben und strenge Umweltauflagen zum Wohle aller erfüllen müssen. Die chemisch-pharmazeutische Industrie hat laut Angaben des Verbands der Chemischen Industrie VCI im Jahr 2018 rund 453.000 Menschen in Deutschland einen Arbeitsplatz geboten. Sie liegt damit auf Platz drei aller Wirtschaftszweige, wenn es um Arbeitsplätze, den Beitrag zur Wertschöpfung und damit um das Bruttosozialprodukt geht. Das wird aber nur so bleiben, wenn wir in Deutschland nicht nur forschen, sondern weiterhin auch produzieren. Gerade jetzt zu Zeiten der Corona-Pandemie wird noch einmal besonders deutlich, wie wichtig Produktion und funktionierende Lieferketten im eigenen Land sind.

Wo siehst du deinen Fachbereich in den kommenden fünf bis zehn Jahren?

Woppowa: Mein Fachbereich steht für Kooperation und Kontinuität. In diesem Sinne möchten wir die Betriebsingenieure weiter unterstützen und so zur nachhaltigen Sicherung des Produktionsstandorts Deutschland beitragen. Wir haben dazu ein spannendes Produktportfolio aufgebaut und erweitern es stetig – insbesondere jetzt zu Corona-Zeiten mit digitalen Angeboten. Der Betriebsingenieur hat durch seine intensive Einbindung in die Produktion wenig Zeit für Fortbildung. Aber gerade die ist angesichts der Themenvielfalt für ihn so wichtig. Inzwischen sind sechs Regionalgruppen an den großen Chemiestandorten Bayern, Hamburg, Mitteldeutschland, Rhein-Main-Neckar, Rhein-Ruhr und Westfalen eingerichtet. Das Fortbildungsangebot kommt also zu den Betriebsingenieuren vor das Betriebstor, um sie zeitlich zu entlasten. Wenn andere Kolleg*innen Freitagnachmittags ins Wochenende gehen, dann treffen sich die Betriebsingenieure des VDI in ihren Regionalgruppen zu kleinen Lehrgängen und zum unternehmensübergreifenden Erfahrungsaustausch. Die immer komplexer werdenden Aufgaben im betrieblichen Alltag sind sonst nicht zu bewältigen. Bei unseren Jahrestreffen der Betriebsingenieure im November fassen wir dann die wichtigsten Themen zusammen. Im Jahr 2019 hatten wir zehnjähriges Jubiläum und 2020 haben wir das Konzept wegen den Corona-Auflagen auf digitale Formate umgestellt. Der Austausch ist damit bundesweit problemlos möglich – eine große Bereicherung!

„Der Zertifikatslehrgang ist ein Alleinstellungsmerkmal des VDI“

Mit welchen anderen (Fach-)Bereichen/Gesellschaften im VDI arbeiten du und deine Kolleg*innen zusammen?

Woppowa: Neben dem fachlichen Austausch mit dem Fachbereich „Fabrikplanung und Betrieb“ und der Gesellschaft „Energie und Umwelt“ existiert eine enge Kooperation mit der VDI Wissensforum GmbH zum Zertifikatslehrgang „VDI-Betriebsingenieur“. Die Absolventen bekommen eine sehr aufwändige, individuell abgestimmte und praxisbezogene Ausbildung: anderthalb Jahre lang berufsbegleitend und mit einer Abschlussprüfung. Schon fast 70 Teilnehmenden haben in den vergangenen zwei Jahren von der einzigartigen Möglichkeit Gebrauch gemacht, sich das geballte Know-how eines Betriebsingenieurs in relativ kurzer Zeit anzueignen. Dieser Zertifikatslehrgang, initiiert von meinem Fachbereich, ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal des VDI! Gerade bei Unternehmen kommt der Lehrgang als Antwort auf die Herausforderung des Generationenwechsels sehr gut an, weil es sich heutzutage kein Arbeitgeber mehr leisten kann, junge Kolleg*innen über Jahre einzuarbeiten.

Mal angenommen, du wärst kein VDI-Mitglied. Würde dich die Arbeit des Fachbereichs „Betrieb verfahrenstechnischer Anlagen“ überzeugen, Mitglied zu werden? Wenn ja, was daran genau?

Woppowa: Die Angebote, die wie als gemeinnütziger Verein machen, adressieren natürlich in erster Linie unsere VDI-Mitglieder. Wir haben aber auch Teilnehmer, die keine VDI-Mitglieder sind, und auch die sind uns wertvoll. Immer häufiger höre ich aus dem Kreis der Betriebsingenieure: „Ich bin jetzt neu in der Gruppe und auch ganz frisch VDI-Mitglied.“ Das freut mich dann besonders, weil es zeigt, dass unsere Angebote wertgeschätzt werden und eine echte Hilfestellung sind. Nicht zuletzt, weil wir in der zunehmenden Digitalisierung eine Kombination aus Fachinformationen und Netzwerken bieten. Für die Betriebsingenieure, die Einzelkämpfer sind, ist das von unschätzbarem Mehrwert für die tägliche Arbeitspraxis. Genau das würde auch mich überzeugen, Mitglied zu werden!

Du hast ja schon von Veranstaltungen und Publikationen deines Fachbereichs gesprochen, vor allem für die Zielgruppe der Betriebsingenieure. Wie könnte die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit noch weiter verbessert werden?

Woppowa: Immer, wenn besonders spannende Themen in den Regionalgruppen der Betriebsingenieure diskutiert oder Betriebs- und Standortbesichtigungen durchgeführt werden, schreibe ich dazu Artikel für unsere verfahrenstechnische Fachzeitschrift „CITplus“. Sie lässt sich als kostenlose VDI-Mitgliederleistung abonnieren. Durch diese Artikelserie hat sich die Akzeptanz des Berufsbilds auch bei den Vorgesetzten und Vorständen deutlich erhöht. Hier ist aber immer noch Luft nach oben, und ich sehe es als eines meiner persönlichen Ziele an, daran zu arbeiten, die öffentliche Wahrnehmung der Betriebsingenieure weiter zu verbessern. Zusammen mit meinem neuen Vorsitzenden, Herrn Dr. Christian Poppe, Covestro AG, und seiner designierten Stellvertreterin Frau Dr. Alba Mena, BASF SE, wird mir dies bestimmt gelingen.

Eine Heimat für Betriebsingenieure

Und dein ganz persönliches Highlight in der Arbeit im Fachbereich „Betrieb verfahrenstechnischer Anlagen“?

Woppowa: Mein persönliches Highlight ist die Arbeit selbst: Ich bin stolz, dass wir innerhalb der GVC mit dem Fachbereich „Betrieb verfahrenstechnischer Anlagen“ eine Heimat für die Betriebsingenieure geschaffen haben. In der Fachpresse bekommt die Community ein Gesicht durch die Artikelserie in der „CITplus“, die bezeichnender Weise den Titel „Ohne sie läuft hier nichts“ trägt. Und nicht zuletzt erhöht sich die Sichtbarkeit und damit die Akzeptanz durch die Mund-zu-Mund-Propaganda zwischen Betriebsingenieur-Kolleg*innen – Gewinnung neuer VDI-Mitglieder inklusive!

Interview: Alice Quack

Kommentare & Pingbacks

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*