Interview mit Dr. Katja Hombrecher vom LANUV NRW

Grünkohl: ein verkanntes Superfood?

Viele kennen ihn nur als Eintopf mit Kartoffeln und Mettwürstchen. Die Rede ist von Grünkohl. Allerdings erfährt die Pflanze in der jüngsten Zeit eine Renaissance. Denn wegen der Inhaltsstoffe wird Grünkohl gar als Superfood angepriesen. Die Details kennt Dr. Katja Hombrecher. Sie beschäftigt sich beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV NRW) sehr intensiv mit dem Gemüse.

Bild: C. Brinkmann, LANUV NRW

Frau Hombrecher, ist Grünkohl gesund?

Ja, Grünkohl ist sehr gesund. Er gehört zu den Vitamin-C-reichsten Lebensmitteln überhaupt und enthält roh sogar mehr Vitamin C als Zitronen. Wenn wir Grünkohl essen, stärkt das also unser Immunsystem. Neben Vitamin C sind auch viele andere Vitamine in Grünkohl enthalten. Dazu zählt auch das β–Carotin, welches im menschlichen Körper zu Vitamin A umgebaut wird und auch als „Schönheitsvitamin“ bezeichnet wird, weil es unter anderem die Neubildung von Haut und Haaren unterstützt. Außerdem findet man im Grünkohl viele Mineralien wie Kalium und Calcium, aber auch große Mengen an Eisen. Hochwertige Proteine und Omega-Fettsäuren machen Grünkohl zu einem wichtigen Nährstofflieferanten auch bei vegetarischer oder veganer Ernährung. Sekundäre Pflanzenstoffe, wie etwa Flavonoide und Senfölglycoside wirken als Entzündungshemmer und Antioxidantien. Natürlich enthält Grünkohl auch viele Ballaststoffe und fördert auf diese Weise unsere Verdauung. Grünkohl wird also nicht zu Unrecht als Superfood bezeichnet und erfährt gerade einen richtigen Hype. Dabei muss Grünkohl nicht unbedingt gekocht werden. Roher Grünkohl kann als Smoothie oder auch als Salat verarbeitet werden. Dass man den ersten Frost abwarten muss, bevor man die Pflanzen verspeist, ist übrigens ein Mythos. Zwar ist Grünkohl in der kalten Jahreszeit süßer, aber man kann ihn das ganze Jahr über anbauen und frisch verzehren.

Und warum ist Grünkohl auch für die Umweltüberwachung ein Superfood?

Bild: LANUV NRWGrünkohl ist nicht nur lecker und gesund, sondern auch ein sehr guter Bioindikator für Luftschadstoffe. Das ist der Grund, warum wir uns beim LANUV NRW so intensiv damit befassen und ihn in der Umweltüberwachung einsetzen. Anders als Weißkohl oder Rotkohl bildet er keinen Kohlkopf, sondern besitzt stark aufgegliederte Blätter und dadurch eine große Oberfläche. Die Blätter sind zudem von einer dicken Wachsschicht überzogen. Während sich Staub und damit auch viele Staubinhaltsstoffe, wie zum Beispiel Schwermetalle, sehr gut abwaschen lassen, binden organische Schadstoffe gut an der Blattoberfläche. Grünkohl reichert also bestimmte Schadstoffe aus der Luft besonders gut an. Dazu zählen beispielsweise Dioxine und Furane sowie Polychlorierte Biphenyle (PCB).

Sollte man Grünkohl dann besser nicht essen?

In der Regel kann man Grünkohl völlig unbedenklich verzehren. In den meisten Gegenden in NRW findet man zwar im Grünkohl (wie in manchen anderen Pflanzen auch) Spuren dieser organischen Schadstoffe, aber die Gehalte sind sehr gering. Durch Untersuchungen von Grünkohl wissen wir ganz genau, welche Schadstoffe in NRW in der Luft zu finden sind. Zum Glück sind die Gehalte auch in den Ballungsräumen in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Der im Supermarkt angebotene Grünkohl wird außerdem gut überwacht. Die positiven Effekte des Grünkohlverzehrs überwiegen also fast immer die potenziell negativen. Außerdem fördert der eigene Anbau von Grünkohl die Gesundheit dadurch, dass man sich viel draußen aufhält und im Garten bewegt. Nur in ganz wenigen Ausnahmefällen gibt es in kleinräumigen Bereichen in NRW einen begründeten Verdacht, dass dort Schadstoffe vermehrt freigesetzt werden und dadurch Nahrungspflanzen stärker belastet sein könnten.

Und was passiert dann?

Das LANUV NRW wird auf Veranlassung der jeweiligen Immissionsschutzbehörde tätig. Hat die Behörde einen begründeten Verdacht, dass Nahrungspflanzen aus Haus- oder Kleingärten kurz- oder längerfristig Schadstoffen ausgesetzt waren, kann sie sich an das LANUV wenden. Wir überprüfen die Situation dann in der Regel mit Grünkohl, und zwar mit einem standardisierten Bioindikationsverfahren gemäß Richtlinie VDI 3957 Blatt 4 (in Vorbereitung). Danach werden Grünkohlpflanzen, die im Gewächshaus in Einheitserde vorgezogen wurden, eine Zeit lang vor Ort ausgebracht. Dabei sind die Gehalte in der Einheitserde bekannt, so dass nicht davon auszugehen ist, dass die Grünkohlpflanzen Schadstoffe aus der Erde aufnehmen. Der Grünkohl ist zudem über Vliesdochte mit einem Wasserreservoir verbunden, so dass er nicht täglich gegossen werden muss. In der Regel werden die Grünkohlpflanzen drei Monate zwischen August und November an einem Standort exponiert, so wie es Kleingärtner in der Regel auch machen. Anschließend wird er geerntet, küchenfertig aufbereitet und getrocknet. Nachdem er zu einem feinen Pulver vermahlen wurde, wird er auf seine Inhaltsstoffe untersucht. In NRW wird Grünkohl jedes Jahr an 14 Hintergrundmessstationen ausgebracht, damit wir wissen wie hoch die Hintergrundbelastung ist. Mit diesen Werten können wir dann die in einem Verdachtsfall ermittelten Werte beurteilen.

Was ist, wenn die Werte erhöht sind?

Sind im Grünkohl höhere Gehalte als im Hintergrund zu finden, erfolgt eine gesundheitliche Bewertung. Sollte der Grünkohl so hoch belastet sein, dass er nicht unbedenklich verzehrt werden kann, wird von den Behörden vor Ort eine Verzehrempfehlung ausgesprochen. In der Regel gilt diese nur für verschiedene Blattgemüse, während die Gartennutzer Obst, Kartoffeln und Fruchtgemüse weiter unbedenklich verzehren können. In einem solchen Fall ist es wichtig, dass alle Anwohner gut informiert werden. Das erfolgt über die Veröffentlichung unserer Untersuchungsberichte, dem Einstellen wichtiger FAQs auf den behördlichen Internetseiten, über Pressearbeit und auch auf Bürgerversammlungen. Gleichzeitig werden von den Behörden vor Ort weitere Schritte eingeleitet. Ist die Ursache bekannt, werden Emissionsminderungsmaßnahmen veranlasst. In der Regel führt das zu einem Rückgang der Belastung, so dass die Bürger bald wieder bedenkenlos Gemüse im eigenen Garten anbauen können.

Grünkohl ist also sozusagen ein doppeltes Superfood?

Ja, das kann man wirklich sagen: Ein Superfood und ein Superindikator. Der Anbau von Grünkohl im eigenen Garten ist jedenfalls sehr zu empfehlen. Auf diese Weise steht einem quasi ganzjährig ein leckeres und gesundes Lebensmittel zur Verfügung. Und wenn jemand in einem Bereich wohnt, in dem das LANUV NRW derzeit Untersuchungen durchführt, kann man alle Untersuchungsberichte und aktuelle Messergebnisse auf unserer Homepage einsehen.

Interview: Ruth Heesen, VDI/DIN-Kommission Reinhaltung der Luft (KRdL)/FB III

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