VDI-Karrieretipp des Monats

Wie lese ich Stellenanzeigen richtig?

Immer wieder höre ich von den Ratsuchenden einen Satz wie diesen: „Nun habe ich bereits ca. 30 Bewerbungen geschrieben und nur ein Telefoninterview und eine Einladung zum persönlichen Gespräch bekommen. Warum ist meine Erfolgsquote so gering?“.

Bild: shutterstock_marvent_433567432Bei der Analyse stelle ich dann fest, dass die Stellenanzeige zwar gelesen aber nicht verstanden wurde. Insbesondere Berufseinsteiger oder diejenigen, die erstmalig den Arbeitgeber wechseln möchten haben keine oder eine zu geringe Erfahrung die Stellenanzeige richtig zu lesen und zu verstehen.

Die Reihenfolge der Hauptpunkte in einer Stellenanzeige variieren. Mal stellt sich das Unternehmen zuerst vor und dann folgen die Voraussetzungen. Gelegentlich stellt sich das Unternehmen erst am Ende vor. Für den Erfolg einer Bewerbung zählen nur die Inhalte, nicht der Aufbau. Der Bewerber sollte immer davon ausgehen, dass sich das Unternehmen in der Anzeige mit schön klingenden Phrasen von der besten Seite zeigt und die zu besetzende Position absolut erstrebenswert ist.

Kein Unternehmen wird mit den Schwächen werben, wie …. stehen kurz vor der Pleite, …haben einen Patriarchen als GF, drei Vorgänger haben in der Probezeit von sich aus gekündigt, weil das Betriebsklima schlecht ist. Ich gehe nicht näher auf die Formulierungen ein, die das Unternehmen nutzt um den offenen Arbeitsplatz zu beschreiben. Weniger als 50 % der Unternehmen bieten wirklich gute, ehrliche und aussagefähige Beschreibungen über das eigene Unternehmen und die zu besetzende Position. Mein Schwerpunkt liegt hier in den Anforderungen des künftigen Mitarbeiters.

Keine Schwierigkeiten bereitet es dem Leser Job-Titel, Position und die Art der Beschäftigung (Voll- Teilzeit, Befristung) zu verstehen.

Das Dilemma fängt bei den Voraussetzungen an. Hier werden von dem Unternehmen die Muss-Qualifikationen klar aufgezählt. Bei den meisten Stellenanzeigen sind 3 – 5 Punkte, manchmal auch mehr aufgeführt. Typischerweise werden hier Formulierungen wie folgt gebracht:

Voraussetzungen sind…

Wir erwarten …

Sie bringen mit…

… setzen wir voraus

… sollten Sie erfüllen

…sind unbedingt erforderlich

Hierbei stehen die Punkte in der Reihe der Wichtigkeit, d.h. sollte ein Kandidat z. B. die ersten 4 von den 5 aufgezählten Voraussetzungen gut erfüllen, dann könnte eine Bewerbung noch sinnvoll erscheinen. Bevor aber in einem solchen Fall die Bewerbung erstellt wird, sollte man sich sehr gut überlegen, ob die fehlende Qualifikation (Voraussetzung) etwas sehr Seltenes ist oder ob die geforderte Qualifikation in der genannten Kombination am Arbeitsmarkt häufig vorkommt. Im letzteren Fall wäre eine Bewerbung sehr wahrscheinlich erfolglos.

Sollten hingegen z. B. die ersten beiden aufgeführten Punkte einer Stellenanzeige nicht erfüllt sein, dann ist eine schnelle Absage sehr wahrscheinlich. Bei einer fehlenden Qualifikation ist auch immer zu berücksichtigen, ob diese von einem selbst schnell erlernt werden kann, weil man etwas Ähnliches bereits vorzuweisen hat oder ob es etwas völlig Neues ist und es lange dauern würde bis diese Qualifikation, Vorrauaussetzung oder Erfahrung vorhanden sein würde.

Häufig wird der Zusatz bei der Tätigkeit „… mit 3 – 5-jähriger Berufspraxis“ von den Bewerbern ignoriert und ein Absolvent bewirbt sich. Bestenfalls wird dann auf ein Praktikum im Studium verwiesen. Das reicht dem Unternehmen nicht, denn hier wird eine Person gesucht, die mit der geforderten Berufserfahrung allein und selbstständig nach kurzer betrieblicher Einarbeitung Aufgaben übernehmen kann.

Nach den „Muss-Anforderungen“ werden in einer Stellenanzeige die „Kann-Bedingungen“ aufgelistet. Gelegentlich sind die Kann-Anforderungen aber mit den Muss-Anforderungen vermischt. In diesem Falle muss der Bewerber sehr genau analysieren, um sich nicht vergeblich zu bewerben.

Typische „Kann-Anforderungen“:

Wünschenswert sind …

Idealerweise…

Erwünscht sind (ist)…

Ausbaufähige (Basis) Kenntnisse in…

Wenn Sie außerdem mitbringen…

Hinreichende Erfahrungen in…

Hilfreich wäre ….

Wer bei den unbedingten Voraussetzungen einen Punkt nicht erfüllt, könnte sich aber dennoch bewerben, wenn von den Kann-Anforderungen viele gut bis sehr gut erfüllt sind. Sehr viele unbekannte Firmen bekommen auf Stellenanzeigen derzeit wenige Bewerbungen und sind daher gezwungen von dem „idealen Kandidaten“ abzurücken, um die Position überhaupt besetzen zu können.

Hinweise zum Einsenden der Bewerbungsunterlagen sollten (müssen) unbedingt beachtet werden. Große Firmen bieten dazu Eingabeformulare an. In keinem Fall sollte man sich darüber hinwegsetzen und eine bunte, 3-seitige Bewerbungsmappe mit der Post senden um sich individuell zu präsentieren. Um eine solche Bewerbung im Unternehmen zu bearbeiten fehlt schlicht der Prozess und die Bewerbung bleibt sehr wahrscheinlich unberücksichtigt.

Das Eingabeformular gibt insbesondere Großunternehmen die Möglichkeit der standardisierten Selektion mit entsprechenden Weiterverarbeitung in der Personal- sowie den Fachabteilungen.

Ein Hinweis wie „Nähere Auskunft kann Ihnen Herr / Frau … geben“ sollten genutzt werden. Wer dann z. B. für den Bewerber 3 wichtige Fragen zur Position beantwortet bekommt, kann sich besser entscheiden ob eine Bewerbung sinnvoll erscheint.

Je häufiger sich ein Kandidat auf eine falsche Position bewirbt, desto mehr Absagen wird er bekommen. Je mehr Absagen ein Kandidat empfängt, desto höher steigt die Frustration und irgendwann könnte Resignation folgen. Nur wenigen Bewerbungen macht ein „Nein“ nichts aus. Daher lieber die „richtige“ Position auswählen und möglicherweise nur eine Bewerbung im Monat oder in der Woche schreiben. Die Chance auf eine Einladung zum Bewerbungsgespräch steigt damit.

Der Autor: Carsten Knoop ist VDI-Karriereberater. Auf der Hannover Messe 2018 ist er beratend am VDI-Stand aktiv. Mehr Informationen unter https://www.vdi.de/karriere

Kommentare & Pingbacks

Ein Gedanke zu “Wie lese ich Stellenanzeigen richtig?

  1. Pingback: Karrieretipp des Monats: Brüche im Lebenslauf | VDI 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*