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Bild: Olga Rizhkova/Shutterstock.com
Wissenswertes Gesundheit

ExperimentIst Radfahren im Winter anstrengender?

Alle, die es schon einmal ausprobiert haben, wissen, dass Fahrradfahren im Winter echt anstrengend ist. Ist das allein deshalb so, weil sich unser Körper in der Kälte auf Temperatur halten muss und es schwerer fällt, Muskelkraft auf die Pedale zu bringen? Oder gibt es weitere Gründe?

Ich picke mir hier einmal einen „fahrradfreundlichen“ Winter ohne Schnee und Eis heraus, es ist nur kalt. Diese Art von Winter kommt am Niederrhein in der Nähe der Düsseldorfer VDI-Geschäftsstelle durchaus häufig vor. 

Ich bin kein Physiologe. Entsprechend kann ich auch nichts qualifiziertes dazu sagen, inwieweit es bei Minusgraden anstrengender ist, mit einer gewissen Kraft in die Pedale zu treten. Meine Erfahrung beim Wandern oder Radfahren im Winter sagt mir, dass das Bewegen „an sich“ in der Kälte anstrengender ist. Wahrscheinlich stimmt das auch, denn immerhin atmen wir eiskalte Luft ein und auf Körpertemperatur erwärmte Luft wieder aus. Das braucht genauso Energie wie die Tatsache, dass wir auch die Körperpartien auf Temperatur halten müssen, die sich gerade nicht durch Muskelaktivitäten aufwärmen. 

Doch kommen wir zu den Dingen, die beim Radfahren typisch sind und nicht allgemein für den Ausdauersport im Winter gelten. Mit den Rädern sind wir (verglichen z. B. mit dem Wandern) relativ flott unterwegs und im Flachland ist die Luftreibung, der Windwiderstand, der Hauptgrund, warum es nicht noch schneller geht. Und diese Luftreibung wird bei Kälte größer, wie der folgende Versuch plausibel macht:

Experiment mit einer Plastikflasche

Wir nehmen uns eine dünnwandige Kunststoff-Getränkeflasche, wie sie bei Einweg-Pfandflaschen üblich sind. Wenn man diese Flaschen geöffnet nur ein bisschen zusammendückt, geben sie sofort nach. Diese stellen wir leer, aber geöffnet neben oder auf eine Raumheizung. Die Luft im Inneren der Flasche ist bald warm. Wir verschließen die Flasche und laufen damit durch die Winterkälte zum Pfandautomaten. Die Flasche in unserer Einkaufstasche wird also kalt. Bevor wir in den Supermarkt gehen, schauen wir uns die Flasche noch einmal an.

Sie wird etwas eingeknickt aussehen. Da die Flasche verschlossen ist, dürfen wir davon ausgehen, dass die Menge an Luft in der Flasche gleich geblieben ist. Aber das Volumen, das die eingeschlossenen Luft einnimmt, ist kleiner geworden. Wenn wir die Flasche wieder öffnen, strömt weitere kalte Luft in die Flasche hinein. Im kalten Zustand sind also mehr Gasteilchen (Luft ist ein Gasgemisch) in der Flasche als im warmen.

Aus unserem Versuch können wir schließen, dass in jedem Liter Winterluft mehr Gasteilchen sind als in der warmen Wohnung. Die Luft ist ist „dichter“. Und wenn wir mit dem Rad durch diese Winterluft sausen, müssen wir mehr Gasteilchen „beiseite“ schieben. Das ist nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich anstrengend. Im Winter sind wir mit Winterjacke, Handschuhen etc. auch noch nicht so „windschnittig“ bekleidet wie im Sommer. So verstärkt sich der Effekt noch. Und wenn der Gegenwind obendrein noch schneller bläst, dann wird klar: Wir Winterradfahrer sind Helden! Für andere vielleicht auch einfach nur Wahnsinnige ...

Ja, es gibt noch mehr zu sagen

P.S.: Ja, ich weiß, die erhöhte Viskosität des Kettenfetts, die Probleme durch Raureif auf der Kette oder eingefrorene Bremsen, verringerte Akkureichweite bei Pedelecs und so weiter habe ich noch gar nicht diskutiert, aber der Beitrag ist auch so schon lang genug…

P.P.S.: Wenn ihr wissen wollt, um wieviel Prozent die Luft dichter wird, wenn man sie bei gleichem Druck einfach nur um ein paar Grad abkühlt: Dann einfach mal im Netz nach universellem Gasgesetz suchen und ein paar Zahlenbeispiele mit der recht einfachen Formel durchspielen. Und nicht vergessen: Die Temperatur wird dabei in Kelvin, nicht in Grad angegeben.

Unser Autor

Dr.-Ing. Erik Marquardt

Kommentare

Inzwischen haben 8 Leser einen Kommentar hinterlassen.
Ute | 01.02.2023

Also mein Problem ist nicht primär die Kälte, auch wenn ich gefühlt doppelt so viel Kleidung wie beim Auto- oder Bahnfahren brauche. Mein Problem ist eher die Dunkelheit (ich fahre auch über Land ins Büro), glatte oder gar verschneite Radwege und der häufigere Regen. Das ist mir einfach zu gefährlich.

VDI | 24.01.2023

Vielen Dank für die Kommentare. Wir finden es spannend, dass eine auf den ersten Blick einfache Alltagsfrage so viele Teilaspekte aufweist und ein Einzelner diese nicht alle auf dem Schirm haben kann. Zu den einzelnen Kommentaren nun gebündelt Antworten unseres Autors:

@ALEXANDER HORCH: Vorausgesetzt, man recherchiert die entsprechenden Kenndaten, sollte es kein Problem sein, die Verlustleistung / Verlustenergie bei Einatmen von kalter Luft und bei Ausatmen von warmer auszurechnen: Die Wärmekapazität von Luft ist im Internet schnell recherchiert. Ich habe 1,2 kJ pro Kubiktmeter [https://www.energie-lexikon.info/waermekapazitaet.html] gefunden. Das entspricht in Liter (l) umgerechnet 1,2 J / (l K). Wenn wir als Lungenvolumen drei Liter ansetzen und 30 Atemzügen in der Minute, gehen im Mittel 1,5 l Luft pro Sekunde durch unsere Lunge. Und die erwärmen wir von z.B. minus vier auf 36 Grad Celsius, also um 40 Grad Celsius. Damit bekommen wir die Verlustleistung: P = 1,2 J / (l K)* 1,5 l/s * 40 K = 72 J/s = 72 W. Das finde ich mit Blick auf das gesamte Energiebudget bei Radfahren nicht unerheblich.

@HANNES ALLABAUER: Die Luft erwärmt sich beim Einatmen. Entscheidend ist die Lufttemperatur in der Lunge beim Übergang ins Blut.

@JÜRGEN RUDOLPH: Guter Punkt. Umgangssprachlich formuliert lautet er Einwand: Die Luft mag zwar dichter sein, doch dafür „flutscht“ man besser durch. Ich kann nicht abschließend sagen, welcher Effekt überwiegt und konnte auch noch niemanden fragen, der sich mit Aerodynamik richtig auskennt. Folgende Punkte ermutigen mich, meine These noch nicht zu verwerfen:

• Wir sind beim Radfahren definitiv im Bereich der turbulenten Strömung. Die einfachen Formeln zur Viskosität setzen laminare Strömung voraus.
• Auch Fahrerinnen und Fahrer von Autos mit Verbrennungsmotoren beobachten einen höheren Benzinverbrauch im Winter, auch auf Langstrecken. Wenn der Motor auf Betriebstemperatur ist, wird die Abwärme des Motors zum Erwärmen der Fahrgastzelle genutzt und bedarf keiner zusätzlichen Energiequelle. Was ruft den höheren Verbrauch hervor, wenn nicht die höhere Luftreibung?

@HELGE WEILER-SCHLECKER: Stimmt, jenseits einer Umgebungstemperatur von über 30 Grad Celsius nimmt der Genussanteil beim Radfahren auch wieder rasant ab, aber aus anderen Gründen.

Freundliche Grüße vom VDI-Team

Eberhard Wühle | 17.01.2023

Zu Alexander Hoch: Hm, ich kann's nicht berechnen, aber ganz abwegig ist die rein qualitative These wohl nicht, nach der es ziemlich egal ist, ob die im Körper produzierte Verlustwärme (die abgegebene Wirkleistung liegt auf dem Weg zur Arbeit bei 150 ... 200 Watt) durch Schwitzen oder durch die CO2-haltige Atemluft abgeführt wird, alles unter der Voraussetzung, dass die Muskeln auch im Winter gut aufgewärmt sind und mit gleichem Wirkungsgrad arbeiten wie bei 20 Grad.

Helge Weiler-Schlecker | 17.01.2023

Persönlich empfinde ich das Radfahren zur Zeit eher angenehmer als im Hochsommer, wenn man von Dunkelheit und den häufigeren Regenschauern absieht. Meine Strecke zur Arbeit bietet praktisch keinen Schatten und hat mehrere Anstiege, das ist in der prallen Sonne unangenehm. Zudem: Richtige Kleidung ist natürlich das A und O, zu warm ist nicht sinnvoll.

Jürgen Rudolph | 17.01.2023

Die Viskosität der Luft ist bei niedrigen Temperaturen kleiner als bei hohen Temperaturen.

Rudi Seibt | 17.01.2023

Wissenschaftlich spannend und hier noch bar der vielen anderen Einflussfaktoren. Zum Beispiel die Frage nach der CO2-Bilanz: Radelt man nur aus Freude am Radeln oder ersetzt man (Diesel-)Auto-Kilometer? Klarer Unterschied. Aber wie sieht es aus, wenn man aus Freude radelt, statt in einem geheizten Fitness-Studio zu schwitzen, dort anschließend mit Erdgas-beheiztem Warmwasser zu duschen, womöglich schon das zweite mal an diesem Tag? Tja, es gibt viele Rätsel auf dieser Welt. Warum RWE trotzdem die Kohle unter Lützerat abbaggern will, gehört auch zu diesen Rätseln. Und daraus direkt die Anschlussfrage, wer denn jetzt der Klimakriminelle ist. "Geld oder Leben" hieß früher die Räuberfrage, heißt sie heute auch noch.

Alexander Horch | 17.01.2023

Kann man den Beitrag der Erwärmung kalter Luft beim Atmen grob quantifizieren? Gefühlt ist das kein großer Beitrag (gegen den diskutierten Luftwiderstandeffekt). Und das mit den Helden unterschreibe ich ...

Hannes Allabauer | 10.01.2023

Vergessen: Mehr Luftmasse in der Lunge, also mehr Sauerstoff im Blut und damit mehr Kraft. Was ergibt dann die Bilanz?

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