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BETRACHTET
Bild: Jan Wokittel
Arbeitswelt Ingenieur

AuslandsreportageEinmal Silicon Valley und zurück

Schon lange stand auf meiner Bucketlist, einmal im Silicon Valley zu leben und zu arbeiten. Dieses Jahr hatte ich dann endlich die Möglichkeit: Für ein paar Monate konnte ich zu meinen Arbeitskollegen nach Kalifornien in die Bay Area von San Francisco.

Ich arbeite als Ingenieur in einem der größten Pharmakonzerne der Welt und helfe dort mit, den digitalen Wandel nicht nur mit den Menschen, sondern auch anhand neuer bahnbrechender Technologien aktiv zu gestalten.

Da wir uns in Deutschland gerne darüber beschweren, dass bei uns in Sachen digitaler Transformation alles zu langsam und in anderen Ländern scheinbar alles viel schneller geht, wollte ich selbst herausfinden, was man im Silicon Valley denn nun anders macht. Dabei konnte ich viel mehr sehen und erleben als ich mir anfangs erhofft hatte. Nicht nur fachlich konnte ich einiges mitnehmen. Viel wichtiger sind mir meine Erkenntnisse im Bereich Arbeitskultur und Teambuilding.

Bei nahezu allen großen Tech-Unternehmen durfte ich reinschnuppern und neben meinem regulären Job ein paar Tage mit ihnen verbringen. Ich konnte das „Silicon Valley“ für mich entmystifizieren. Ich denke mittlerweile: Wir brauchen uns nicht zu verstecken und uns kleiner zu machen als wir eigentlich sind. Wir könnten es hier in Deutschland sogar besser! Warum? Was müssten wir dafür tun? Das erzähle ich in diesem Beitrag.

Über den Erfolg von Kollaboration und Kreativität

Wir diskutieren in Deutschland seit geraumer Zeit über Remotework, agile Arbeitsformen, neue Arbeitszeitmodelle oder einfach über alles, was wir unter New Work verstehen. Ich möchte das auch gar nicht schlecht reden. Ganz im Gegenteil. Was mir bei den Diskussionen aber zu kurz kommt, ist, warum wir das alles tun. Und hier kommt das Entscheidende Element, worum es im Silicon Valley geht: Schnelligkeit.

Viele von uns kennen die Bilder aus den schicken Büros der Techfirmen – ich selbst habe ja auch viele gemacht. Wir reden über das kostenlose Essen bei Google oder das Erstaunen beim Anblick von Apples Headquarter „The Circle“. All diese Dinge gibt es nicht, weil sie nice-to-have sind, sondern weil sie einem Zweck dienen: Das alles soll ein Umfeld schaffen, dass die Mitarbeitenden inspiriert, Kollaboration fördert, Kreativität unterstützt und auf ein gemeinsames, großes Ziel ausrichtet.

Etwas, wo man Spaß hat

Die Arbeit soll man nicht als etwas Trockenes ansehen, sondern als etwas, wo man Spaß hat. Wände und Einzelbüros sind das Sinnbild von Mauern, nicht nur in den Prozessen, sondern auch im Kopf. Wenn ich kostenloses (gesundes) Essen direkt an der Arbeit bekomme, spare ich mir Zeit auf der Suche nach einem Döner und bin danach auch nicht in meinem Mittagsloch.

Mich hat anfangs überrascht, dass es doch hierarchischer zugeht als ich es von meinem Arbeitsplatz kenne. Möglichst heterogene Teams sind das Ziel, aber oft mit einem visionären Frontrunner. Auch ein technisches Problem, wird nicht nur von Technikern angegangen, denn ihr Blickwinkel auf das Problem, könnte zu begrenzt sein. Die Eindrücke einer völlig fachfremden Person sind daher sehr wertvoll, um ganz neue Wege zu entdecken und blinde Flecken aufzudecken.

Kreativität: das Fundament für Innovation

Besonders bei Airbnb ist mir aufgefallen, wie viel Wert man auf das Thema Kreativität legt. Sie ist das Fundament für Innovation. Auch hier sitzt jeder neben jedem. Alles ist darauf ausgelegt, ein kreatives, lockeres und inspirierendes Arbeitsumfeld zu schaffen. Die Gestaltung der Räume ist auch gar nicht das tragende Element, sondern wie sie die Verbindung zur Mission von Airbnb schaffen. Zum Beispiel Meetingräume: Jeder Raum ist einem originalen Inserat von Airbnb nachempfunden.

Ich sehe am Eingang die originale Anzeige, welche Person und welche Geschichte dahinterstecken. Der anschließende Raum ist dieser nachempfunden. Die Mission von Airbnb ist es, ein Fenster zur Welt und den verschiedenen Menschen (Gastgebern) dahinter zu sein. Dieses und viele weitere Beispiele zeigen, dass die Arbeit nicht nach den Prozessen aufgebaut ist, sondern dem was man erreichen möchte, welchen Impact man erzielen will. Es ist in der Regel alles etwas verspielter und weniger ernst als bei uns.

In die Startup-Kultur reinschnuppern

Imposant fand ich den Besuch bei einem kleinen Robotikstartup namens Rapid Robotics. Hier hat sich Gründer und CEO Jordan Kretchmer für mich Zeit genommen und mir sein Unternehmen, aber auch sein Produkt vorgestellt. Ich darf an der Stelle sagen, dass ich noch nie einen so guten Pitch eines Unternehmens gehört habe! Wirklich faszinierend und ganz nach dem Motto „Pitch the problem, not the solution.“

Wir Techniker neigen dazu, immer zuerst die technische Lösung zu präsentieren statt uns mehr Gedanken darum zu machen, welches eigentliche Problem wir lösen möchten. Der Mehrwert für den Kunden am Ende liegt nicht in der Technik, sie ist nur das Hilfsmittel. Diese Denkweise ist typisch für das Valley. Jordan selbst sieht sein Unternehmen übrigens nicht als Hardware-Robotikunternehmen, sondern als Softwareunternehmen. Warum ist dieses Detail so wichtig? Software skaliert viel besser als Hardware.

„Grow or die“

„Grow or die“, ein Spruch den ich hier das erste Mal gehört habe. Alle Ideen werden so ausgelegt, dass sie am Ende maximal skalierbar sind. Ich durfte filmen und fotografieren, denn die IP (Intellectual Property) liegt nicht im Robotikarm, sondern in der KI zur visuellen Bilderkennung der Umgebung des Roboters. Er selbst ist übrigens gar kein Techniker, sondern Kaufmann vom Background her. Für ihn war der Robotermarkt in der Industrie aber zu altbacken und konservativ. Ausserdem fehlte für ihn die so typische interative herangehensweise eines Softwareunternehmens. Das beschloss er zu ändern – mit Erfolg.

Ebenfalls etwas verändern wollen die diversen Raketenstartups. Und weil ich immer mal einen Raketenstart sehen wollte, bin ich zur Vandenberg Space Base gefahren. Dort hatte ich die Möglichkeit dem Launch-Event von Firefly beizuwohnen, einem Wettbewerber von SpaceX. Nachdem die erste Rakete explodiert ist, hat es mit der Zweiten dann geklappt. Der Markt der Mikrosatteliten (also Satelliten ungefähr von der Grösse eines Schuhkartons) ist ein boomemder Markt und viele kleine Startups tümmeln sich hier in dem Bereich.

Zwei VDI‘ler auf Entdeckungstour

Mein Vater, auch langjähriges VDI-Mitglied und mittlerweile Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates im VDI, kam mich eine Woche besuchen. Auch er wollte mal etwas Inspirationsluft schnuppern. Während ich bei der Arbeit war, ist er durch San Francisco gezogen. Abends haben wir uns dann wieder getroffen und haben uns zum Beispiel gemeinsam mit Arbeitskollegen von Google ein Spiel der Golden State Warriors angesehen.

Eines Abends erzählte er mir völlig begeistert, dass er mitten in Downtown San Francisco stand, als vor ihm ein fahrerloses Auto durch den Verkehr gefahren ist. Er hätte schon davon gehört, aber es live zu sehen und dann mitten im dichten Stadtverkehr, das hat ihn dann doch sehr fasziniert. Ich dachte mir auch, dass wir oftmals versuchen, erst alle möglichen Risiken aus dem Weg zu räumen, bevor wir etwas Neues testen. Hier lässt man die Sachen halt einfach erstmal fahren und lernt währenddessen.

Meine Take-Aways

Ja, in Sachen Schnelligkeit können wir etwas lernen. Das Problem ist aber hausgemacht, denn es sind unsere eigenen Strukturen, die eher auf Sicherheit statt auf Schnelligkeit ausgelegt sind. Das ist auch bei uns im VDI wenig anders. Wir arbeiten sehr lösungsorientiert, was in der Natur der Ingenieureinnen und Ingenieure liegt. Denn wir entwickeln Lösungen, aber wir können besser sein, darüber hinaus zu denken. Ich möchte auch sehr viel stärker Diversität im Team leben – nicht nur fachlich, sondern auch kulturell und menschlich. Es ist erst die Vielfalt der Teams, die wirklich Neues schafft.

Beeindruckt haben mich auch die vielen ehrenamtlichen Engagements der Firmen für ihr Umfeld. Viele dieser Engagements sind Teil der festen Arbeit und werden (nicht nur finanziell) unterstützt. Hinzu kommen sehr viel mehr Events, die darauf ausgelegt sind, die Menschen an der Arbeit zusammenzubringen und einfach Spaß zusammen zu haben. Um dem Argument vorzubeugen, dabei ginge Freizeit drauf, finden diese Events während der Arbeitszeit statt. Dieses zwischenmenschliche Zusammenbringen ist etwas, dass ich auch mehr umsetzen möchte. Unseres bekannten jährlichen Sommerfests oder Weihnachtsfeiern sind nichts dagegen.

Warum wir es besser als das Silicon Valley könnten

Die Dichte an Talent, Technologie und Geld ist es, was das Silicon Valley so besonders macht – also nichts, was wir nicht auch hätten. Ich habe eingangs erwähnt, dass ich sogar glaube, wir könnten es besser. Und das ist auch so; nämlich, weil bei uns der Schutz und die Sicherheit der Person, des Menschen, ebenfalls hohen Stellenwert genießt – und das sowohl im digitalen Raum als auch auf sozialer Ebene.

Unser Verständnis von Datenschutz und der Sicherheit persönlicher Daten in Kombination mit neuen, digitalen Produkten wäre ein Verkaufsschlager. Stattdessen sehen wir Datenschutz gerne als etwas Hinderliches, statt ihn als Möglichkeit zu sehen. Er darf nicht das Totschlagargument für jedes neues, digitale Produkt sein, sondern grade der Vorteil zu amerikanischen Pendants, ohne etwas an Nutzererfahrung einbüßen zu müssen.

Zweitens, und noch wichtiger, der soziale Schutz. Die typisch amerikanische Hire-and-Fire-Methode gibt es bei uns nicht. Die großen Tech-Unternehmen versuchen auch in diesem Bereich die Ausnahme zu sein und tun wirklich einiges, um den Menschen abzusichern (Stichwort: Versicherungen) aber sie bilden doch nicht die Mehrheit der Unternehmen in den USA ab. In den USA (und das Silicon Valley ist da nicht die Ausnahme) hatte ich das Gefühl, immer zwischen Extremen zu sein – egal um was es ging. Ich denke daher, dass wir besser darin sind, einen Mittelweg zu finden.

Es ist am Ende alles eine Frage der (Arbeits-) Kultur für welchen Weg wir uns entscheiden. Mehr Kollaboration, Kreativität und Spaß an der Arbeit gepaart mit unserem Know-how als Ingenieureinnen und Ingenieure bringen uns hier ganz klar nach vorne. Also: Lasst uns weniger ernst und konservativ sein, lasst uns mehr Spaß zusammen haben, bringen wir unterschiedliche Disziplinen noch bewusster zusammen. Und lasst uns größer denken.

Unser Autor

Jan Wokittel

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