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Wir leben mit hohem Hygienestandard – so zumindest der Glaube in unseren Breiten. Und bis zum Beginn der Corona-Pandemie waren wir vermutlich davon überzeugt. Tatsächlich hat uns der Krankheitserreger gezeigt, dass in Sachen Hygiene noch ordentlich Luft nach oben ist.

Die Maßnahmen zum Schutz vor Corona-Infektionen haben dazu geführt, dass 2020 eine Reihe üblicher Infektionswellen, allen voran die Grippewelle, abgeschnitten wurden oder ganz ausgefallen sind. Zudem sind Infektionen wie Novo zeitweise zur Rarität in den Kliniken geworden. Im Fall des SARS-CoV-2-Virus, das wissen wir inzwischen, sind Aerosole der Haupt-, aber auch nicht der einzige Übertragungsweg.

Gute Händehygiene bleibt nach wie vor ein Eckpfeiler hygienischen Verhaltens, denn bis zu 30 Prozent aller in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen auftretenden Infektionen lassen sich vermeiden, wenn die Mitarbeitenden bestehende Hygieneempfehlungen einhalten. 

Händewaschen ist eine eigentlich selbstverständliche Maßnahme der Alltagshygiene – eigentlich. Denn wie oft schon habe ich in öffentlichen Toiletten beim Händewaschen im Spiegel Menschen gesehen, die aus dem Toilettenraum direkt ins Freie flüchteten.

Das muss wohl auch der Person so ergangen sein, die den Aufkleber über der Urinalrinne im Flixton Air Museum angebracht hat. 

Kann man es nicht vermeiden, sich die Hände schmutzig zu machen?

Vermeidung durch technische Maßnahmen ist möglich. Dazu gibt es berührungslose Armaturen für WCs, Urinale und Handwaschbecken und berührungslose Seifen-, Desinfektionsmittel- und Handtuchspender. In Krankenhäusern sind diese inzwischen üblich. Auch Türen lassen sich berührungslos öffnen. So werden beispielsweise für Sanitärräume in Lebensmittel verarbeitenden Betrieben Schiebetüren empfohlen, die sich ohne Zutun öffnen und schließen. 

Ein wichtiger Faktor, um eine Verkeimung zu vermeiden, wäre es auch, wenn man sich nach einem Toilettengang die Hände waschen könnte, bevor man eine Tür berühren muss. Aber nur bei barrierefreien Toiletten findet sich in der Regel das Handwaschbecken im Toilettenraum. WC-Kabinen enthalten meist keines. Viele Empfehlungen zur Verbesserung der Hygiene (nicht nur der Handhygiene) durch technische Maßnahmen sind in der Richtlinienreihe VDI 6000 dargestellt. Neue Entwürfe für alle Richtlinien der Reihe erscheinen voraussichtlich im Juli.

Eine Anekdote am Rande: Es gab einmal eine Studie, die ich leider aber nicht wiedergefunden habe, in der die Verkeimung von Flächen in den Sanitärräumen von Fast-Food-Restaurants untersucht wurde. Die Untersuchung der Türen ergab ein interessantes Bild: Die stärkste Kontamination wurde auf dem Türblatt etwas unter Schulterhöhe eines durchschnittlichen Erwachsenen gefunden, nicht etwa an den Türgriffen. Viele Menschen hatten wohl Sorge, die Türgriffe seien unsauber, und glaubten, man könne sich davor schützen, indem man am Türblatt schiebt. 

Wir berühren täglich Objekte, über deren Sauberkeit wir nichts wissen

Die Hände sind für den Menschen wichtigstes Werkzeug zur Interaktion mit der Umwelt. Ungezählte Male jeden Tag berühren wir Objekte, zumeist solche, über deren Sauberkeit wir nichts wissen. Und ebenfalls ungezählte Male jeden Tag berühren wir mit den Händen unser Gesicht – meist unbewusst. Nun ist unsere Haut eine natürliche Barriere gegen Infektionen. Weniger gut geschützt sind unsere Schleimhäute.

Vor allem Augen, Mund, Nase und natürlich Verletzungen bieten Erregern leichteren Zugang. In der Anfangszeit der Corona-Infektion kursierten daher viele Videobotschaften mit der Warnung „Fass Dir nicht ins Gesicht!“. Wie wenig uns aber solche Berührungen bewusst sind, zeigen die fast ebenso zahlreichen Video-Zusammenschnitte, bei denen die Personen, die die Warnung aussprachen, sich, oft nur Minuten nach dem Appell, selbst ins Gesicht fassten.

Man kann eine Tür mit dem Ellenbogen aufschieben. Ziehen ohne Zuhilfenahme der Hände ist schon schwieriger. Taster und Schalter kann man mit einem Gegenstand bedienen, die Türgriffe von Sanitärräumen vielleicht mit Einmalhandtüchern. Der häufige Gebrauch von Einmalhandschuhen ist umständlich und wenig nachhaltig. Man wird also eine Kontamination der Hände nicht vollständig vermeiden können, aber mit etwas Achtsamkeit und Nachdenken kann man sie sicher reduzieren. 

Ist Händewaschen denn wirksam? Oder sollte man lieber desinfizieren?

Im Epidemiologischen Bulletin 17 vom 29. April 2021 wird die Wirksamkeit des Händewaschens betont . Das Waschen der Hände kann, wenn es richtig ausgeführt wird, die Mehrzahl der Keime von den Händen entfernen. Aber was bedeutet nun „richtig ausgeführt“? Die beste Waschung nützt wenig, wenn sie nicht vollständig erfolgt – will sagen: Es ist wichtig, dass Wasser und Seife überall hingelangen. Daumen, Fingerkuppen und Fingerzwischenräume vergisst man gerne; und man krempelt ungern die Ärmel hoch, um auch die Handgelenke zu waschen. Ringe und Armbänder sollte man bei hygienerelevanten Tätigkeiten nicht tragen. 

„Richtig“ waschen bedeutet auch lange genug waschen. Das Gesundheitsamt empfiehlt eine halbe Minute. Denn die Seife kann ihren Job nur dann erledigen, wenn sie in innigen Kontakt mit dem Schmutz auf der Haut kommt und hinreichend lange einwirkt. Tatsächlich hat Seife sogar eine desinfizierende Wirkung, da die oberflächenaktiven Substanzen die Zellmembran vieler Erreger schädigen.

Feste Seife birgt das Risiko einer Verkeimung . Daheim kann man im Alltag getrost ein festes Stück Seife  benutzen, denn Personen, die im selben Hausstand leben, haben viele Gemeinsamkeiten, auch bei der Keimflora. Flüssigseife, vorzugsweise in berührungslosen Spendern, wird aber an allen Stellen empfohlen, wo man sich die Seife mit unbekannten Personen teilt. 

Ist Desinfizieren nicht besser als Waschen?

Nope. Desinfizieren und Waschen ergänzen sich. Händedesinfektion wirkt nur auf sauberen Händen optimal. Wenn Erreger in Schmutz eingeschlossen sind, zum Beispiel in Nasensekret, wenn man in die Hand geniest hat, ist die Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln deutlich reduziert. Also: Erst waschen, dann desinfizieren. Wenn sich gerade keine Möglichkeit zum Händewaschen bietet, ist eine Desinfektion sicherlich besser als nichts. 

Auch beim Desinfizieren gilt: Man muss es richtig machen. Und „richtig“ bedeutet richtiges Desinfektionsmittel und richtige Technik. Das Keimspektrum, die Mischung von Keimen, die aktuell zu bekämpfen sind, ist unbekannt und auch nicht immer gleich. Die meisten Handdesinfektionsmittel sind jedoch für ein breites Spektrum wirksam. Mit Blick auf das Coronavirus sollte man zu solchen Desinfektionsmitteln greifen, die als „viruzid“ oder „begrenzt viruzid“ ausgewiesen sind.

Die richtige Technik beinhaltet wiederum, dass das Desinfektionsmittel erst auf die abgetrockneten Hände aufgetragen wird, und dass es überall und hinreichend lange einwirken können muss, üblicherweise mindestens 30 Sekunden. Und während der gesamten Einwirkzeit sollten die Hände gerieben werden. Wer das korrekt macht, wundert sich wahrscheinlich darüber, wie lange 30 Sekunden sind, wenn man nichts anderes tut als sich die Hände zu reiben.

Wie findet die Haut das?

Zu häufiges Händewaschen, vor allem mit alkalischen Seifen, trocknet die Haut aus. Sie wird rissig, und ihre Schutzwirkung verringert sich. Händedesinfektion ist meist schonender. Deswegen kommt es auf die richtige Kombination von Händewaschen und Händedesinfektion an. Händewaschen sollte man also nur so oft wie nötig. Eine Handcreme kann helfen, die Entfettung der Haut zu reduzieren. 

Und ist eigentlich warmes Wasser zum Händewaschen wirksamer als kaltes? Nein, aber es steht im Verdacht, die Haut stärker zu schädigen. US-amerikanische Forschende  haben bereits 2001 Probanden ihre Hände bei Temperaturen zwischen ungefähr vier Grad Celsius (sehr kalt) und fast 50 Grad Celsius (unangenehm heiß, kann schon zu Verbrühung führen) waschen lassen.

Dabei zeigte sich bei höheren Temperaturen eine marginal verbesserte Keimreduktion, aber auch eine Zunahme der sichtbaren Hautreizung und des Feuchtigkeitsverlusts der Haut. Eine neuere Studie  untersuchte die Wirksamkeit noch ausführlicher, indem sie neben der Wassertemperatur auch die Einflüsse der Seifenmenge, der Einschäumzeit und den Effekt von antimikrobieller Seife untersuchte. Ausgehend von einer „Schnellwaschung“ mit einem Milliliter handelsüblicher (also nicht desinfizierender) Seife bei 38 Grad Celsius und fünf Sekunden Einschäumzeit zeigte sich vor allem der Effekt einer längeren Einschäumzeit, während Wassertemperaturen zwischen 15 und 38 Grad Celsius praktisch keinen Unterschied ergaben. 

Wann sollte man sich die Hände waschen und wann desinfizieren?

Die WHO hat für das Gesundheitswesen die sogenannten „Fünf Momente“ für Händehygiene definiert. An sie kann man sich auch für den Alltag anlehnen. Händehygiene ist zu empfehlen ...

VOR

  • hygienerelevanten Tätigkeiten wie Essen, Trinken, Berühren von Schleimhäuten (vor allem Augen) oder Verletzungen
  • Kontakt mit anderen 

und NACH

  • Kontakt mit möglicherweise verkeimten Objekten (wie Türgriffen, vor allem in Bahn und Bus und in Sanitärbereichen)
  • Kontakt mit anderen

Waschen ist dabei immer angesagt bei erkennbarer (aber nicht immer sichtbarer) Verschmutzung (also bspw. nach Toilettengängen), Desinfektion ergänzend vor besonders hygienerelevanten Tätigkeiten (zum Beispiel Essen, Trinken, Versorgen von Verletzungen) oder als Verlegenheitsmaßnahme, wenn man sich die Hände gerade nicht Waschen kann. Sie kommt vor allem außerhalb der eigenen vier Wände zum Einsatz. Daheim sollte auch vor dem Essen und Trinken Händewaschen reichen.

Leserservice: Die fünf Gebote der Händehygiene

(1)    Händehygiene VOR Essen, Trinken, Berühren von Gesicht oder Verletzungen und NACH Kontakt mit allem Fremden.
(2)    So oft wie nötig, aber so selten wie möglich WASCHEN, zwischendurch nach Bedarf DESINFIZIEREN.
(3)    Seife und Desinfektionsmittel überall auftragen und hinreichend lange einwirken lassen, während der Einwirkzeit reiben.
(4)    Kaltes Wasser reicht.
(5)    Berührungen verkeimter Flächen mit den Händen möglichst vermeiden, etwa indem Sie Türen mit dem Ellenbogen aufdrücken,                                      Taster und Schalter mit Gegenständen, Türgriffe mit Einmalhandtüchern bedienen. 

Unser Autor

Dipl.-Phys. Thomas Wollstein

Kommentare

Inzwischen haben 3 Leser einen Kommentar hinterlassen.
Röstel Werner | 15.12.2022

Ihr Wort vor der Handlung! Das allgemeine Problem?! Wer liest ein Buch, bevor er sich die Hände wäscht?!? Wer gut erzogen wird, der erzieht sich auch selbst! Deswegen gefällt mir die beschriebene Aktion: Kinder malen eine/ihre Hände-Wasch-Scene aus! So gut! Also: Übung, Übung .. Übung!!! Wo fangen wir an? Bei den Lehrern! Immer am Kopf anfangen. So ist das "Wort" zu verstehen, denn das Wort war bei Gott!

Siglinde | 19.07.2022

Anbei die berufsdermatologische Sicht einer Expertin für den Bereich Hautschutz - eine absolute Koryphäe dieses Gebietes: https://www.dguv.de/medien/ipa/publikationen/ipa-journale/ipa-journale2020/ipa-journal2003/ipa_journal2003_praxis.pdf

Arnd Bürschgens | 07.05.2022

Es gab schon vor ca. 10 oder noch mehr Jahren eine Initiative des damaligen Bundesministeriums für Gesundheit mit dem Titel "Kinder waschen Hände", u.a. mit drei Bildern zum Ausmalen. Den Kleinsten in der Gesellschaft sollte damit bereits die Wichtigkeit des Themas nahe gebracht werden. Anscheinend hat es nicht viel bewirkt 🤷‍♂️

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