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Bild: Visual Generation/Shutterstock.com
Medizintechnik Gesundheit

Künstliche OrganeWenn ein Teil des Körpers versagt

Zu altern ist an sich nicht schlimm. Jedoch gerät der Mensch mit zunehmendem Alter nicht allzu selten in die Situation, in der er medizinische Hilfe benötigt – im Extremfall vielleicht sogar ein künstliches Organ ...

Versagt ein Organ, kann es schnell aus sein. Deshalb sollen sich immer mehr Menschen für die Organspende aussprechen und dies mit dem entsprechenden Ausweis festhalten. Tatsächlich gibt es nämlich viel mehr Erkrankte als verfügbare Organe. Zuweilen sind die Wartelisten der Kliniken sehr lang – ein Umstand, der Medizintechniker dazu bewegt, sich über alternative Lösungen Gedanken zu machen.

Künstliche Niere, künstliche Lunge

Die Idee, ein künstliches Organ zu erschaffen, ist nicht neu: Bereits in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts behandelte der Mediziner Georg Haas die ersten nierenkranken Patienten mit einem Blutreinigungssystem. Diese Methode, im Volksmund „Blutwäsche“ genannt, setzen heutzutage nicht nur deutsche Kliniken weiterhin ein, auch weltweit gilt es als das Standardverfahren (Hämodialyse). Die von Haas eingesetzte Schlauchniere stellt in der Medizingeschichte das erste künstliche Organ dar, das Mediziner beim Menschen einsetzten. Das Verfahren, das bei der künstlichen Lunge zum Einsatz kommt, ähnelt technisch gesehen dem der Hämodialyse.

Die Anzahl an jenen Patienten, die auf den Wartelisten der Fachkliniken stehen, ist hoch – oftmals sehr hoch. Als tragisch zu bewerten ist die Tatsache, dass das Verwaltungspersonal etliche Patienten wieder von der Liste streicht, weil sie nicht mehr länger ohne das Spenderorgan am Leben bleiben konnten. Umso wichtiger erscheint die Frage: „Brauchen wir künstliche Organe, um das Leben zu erhalten?“. Diese ist mit einem deutlichen Ja zu beantworten. Allerdings muss man hierzu besondere Grundlagen schaffen. Denn ohne biokompatible Kunststoffe ist es unmöglich, die Idee von künstlichen Organen umzusetzen.

Ersatzteillager Mensch?

Es klingt ein wenig nach Science-Fiction; man fühlt sich gar an dystopische Filme wie „Blade Runner“ (1982) erinnert. In dem Kultstreifen hat es der Protagonist längst mit seinem reproduzierten Selbst zu tun, mit komplett künstlichen Menschen, die sich nicht von natürlich geborenen Menschen unterscheiden lassen. Die Story wiederum nimmt gentechnologische Entwicklungen vorweg, die die Gesellschaft erst in jüngerer Zeit beschäftigen. Das Klonen von Lebewesen ist unter bioethischen Gesichtspunkten fragwürdig und für viele Menschen aus religiösen Gründen nicht vertretbar.

Wer künstliche Organe herstellt, verfolgt andere Absichten, zumal sie laut Prof. Prof. h.c. Dr.-Ing. M.Sc. Birgit Glasmacher und Dr. Jörg Vienken „technischen Systemen entsprechen, mit denen physiologische Prozesse des Körpers im Sinne eines Organersatzes so nachempfunden werden, dass Patienten mit versagenden Organen […] auch über längere Zeiträume überleben können“. Deswegen gelten künstliche Organe „gemeinhin als die Königsklasse der Medizintechnik“, so die Experten (Quelle: „Brauchen wir künstliche Organe?“; Medizintechnik, Ausgabe 06/2019).

Technische Perfektionierung

Der Mensch strebt nach Höherem, nach Perfektion und ewigem Leben. Tatsächlich stellt sich jedoch die Frage, ob man ein Leben, das im Grunde zu Ende geht, um jeden Preis erhalten sollte. Wäre es nicht sinnvoller, sich gesünder zu ernähren, mehr auf sich und seinen Körper zu achten? Also achtsamer im Umgang mit sich selbst und seinem Körper umzugehen? Diese Überlegungen erscheinen gerade angesichts all des Frusts, der entsteht, wenn ein geliebter Mensch schwer erkrankt, umso klüger. Dies entlastet im größeren Kontext nicht nur Einzelne, sondern letztlich viele Teile der Gesellschaft – auch unser Gesundheitssystem. Glasmacher und Vienken weisen zudem darauf hin: „Die technische Perfektionierung von künstlichen Organen ist mit langen Entwicklungszeiten bei gleichzeitig hohen Kosten verbunden“.

Nun, gäbe es keine biokompatiblen Kunststoffe, gäbe es auch keine künstlichen Organe. Daher hat die Biokompatibilität von Polymeren einen hohen Stellenwert. Den Experten nach habe man sich „lange Zeit darüber gestritten, wie die Biokompatibilität eines Kunststoffs zu verstehen ist“. Nach etlichen Diskussionen habe man sich auf die Definition der Europäischen Gesellschaft für Biomaterialien geeinigt: „Biokompatibilität ist die Fähigkeit eines Materials, in einer spezifischen Anwendung eine adäquate Patientenreaktion hervorzurufen.“ Das bedeute, dass ein Polymer bei einer Anwendung ausgezeichnet abschneiden und bei einer anderen aber versagen könne. Die Aussage „Wir haben für diese oder jene Anwendung einen biokompatiblen Kunststoff eingesetzt“ sei daher immer mit Vorsicht zu genießen.

Organe aus dem 3-D-Drucker

Künstliche Gelenke kommen neuerdings aus dem 3-D-Drucker. Weshalb nicht auch künstliche Organe wie das Herz? Schließlich ist es Polymerforschern inzwischen gelungen, „mithilfe von Laserstrahlen beliebige 3-D-Strukturen als flexible Kunststoffvorlagen für solche weichen Organe herzustellen“, habe ich kürzlich in der WirtschaftsWoche gelesen. Hierbei greifen die Forscher gezwungenermaßen sogar darauf zurück, wie es dem Körper mit Hilfe von Enzymen gelingt, eine Blutung zu stoppen. Vorteil wiederum sei, dass es zu weniger Abstoßungsreaktionen komme, wenn man dem Patienten Blut abnehme, mit dem man eine Basis für das künstliche Organ erhält.

Das klingt ja wirklich superspannend, denke ich. Dennoch sagt mir mein gesunder Menschenverstand: Lässt sich das schon im großen Maßstab umsetzen? Offensichtlich noch nicht, sind unsere Organe doch immens komplex – kein Vergleich zu unseren Knochen. Andererseits machen die Entwicklungen Hoffnung für all jene Menschen, die dringend auf ein neues Organ angewiesen sind.

Hintergrund

Der Bundestag hat beschlossen, dass sich Menschen zukünftig konkreter mit dem Thema Organspende auseinandersetzen sollen. Das stellt eine Mammutaufgabe für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) dar, die die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren soll. Darüber hinaus ist eine neue Datenbank notwendig, sodass es den Bürgerinnen und Bürgern ab März leichter fällt, ihren Spenderwillen mitteilen zu können. Kliniken wiederum haben so die Möglichkeit, einzusehen, ob eine Erklärung zur möglichen Organentnahme vorliegt oder nicht.

Unser Autor

Frank Magdans, Referent Kommunikation

Kommentare

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dieter-liepsch@t-online.de | 03.02.2022

All dies ist nichts Neues. Es gibt ständig auf diesem Gebiet Weiterentwicklungen. Mit Hilfe der IT Technik dürfte es nicht schwierig sein Deutschland- oder Europaweit ein umfassendes Programm zu erstellen, damit gespendete Organe termingerecht abgerufen werden können. Die Einrichtung einer Datenbank ist unbedingt erforderlich.

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